19.12.2019

Briefe



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ID: 17474 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 13.07.1870
 

Salzburg am äußern Stein 31. Villa MacCaffry.
13ten <July>August.

Liebe Frau Schumann

Von Herzen gerne wüßte ich in dieser bewegten Zeit etwas von Ihnen; ich denke oft mit Unruhe wie Sie so allein nahe vom Kriegsschauplatz sind. Da ist es mir auch nach dieser Seite hin ein Glück das geliebte Deutschland vor einem Überfall sicher zu wissen! Wie herrlich hat sich unser Heer unter dem Kronprinzen bewährt! Aber Ihr Ferdinand, wo mag er sein? Haben Sie Nachricht von ihm? Ich weiß, daß Sie groß genug denken um ihn gerne für’s Vaterland in den Krieg ziehen zu sehen; und doch wird das zärtliche Mutterherz ängstlich zu Zeiten pochen, und die Freunde fühlen mit Ihnen. Wenn es geht schreiben Sie mir ein paar Worte, wie’s Ihnen allen geht. Wäre ich nicht durch die Masern-Krankheit der Kinder pflegend hier gehalten gewesen<,> während meine Frau Hermännchen in Berlin wartete, ich säße gewiß schon in der Nähe des Kriegsschauplatzes, oder wäre in Berlin zurück. Man möchte diese große Zeit in vollen Zügen mitleben, helfen dürfen! In der ersten Zeit hier war es auch durch die unregel<n>mäßige Kommunikation mit Preußen recht traurig. Meine Frau war von mir oft eine Woche ohne Brief, obwohl ich täglich schrieb, und auch umgekehrt. Endlich, am 2ten kam sie mit dem Jungen über Breslau Wien hier an. Seitdem hatten wir das entsetzlichste Wetter, Regen vom Nebelgeriesel zum Guß in allen Variationen! die armen reconvalescenten Kinderchen müssen so immer die Stube hüten (wobei es ihnen aber schon gut geht), und damit wir ja aus der Plackerei nicht herauskommen kriegte gestern das kleinste Mädi, das wir glücklich verschont glaubten, <au> auch die Krankheit! Mein Mann ist mit Brahms ausgelaufen, u. ich kann den Brief doch
nicht ziehen lassen, ohne ein paar Worte zu schreiben. Wir haben so viel an Sie gedacht, liebste Frau Schumann, u. mit der größten Theilnahme. Welch’ eine mächtige Zeit können wir durchleben! – Die kurze Zeit, die ich allein in Berlin zubringen mußte hat mir so viele großartige Eindrücke gebracht, die ich wohl nie vergessen werde. Gewiß ward noch nie mit größerem Enthusiasmus gekämpft! Gott schütze Ihren Sohn! Ich hoffe zwar, er ist noch nicht ins Feld. – Erfreuen Sie uns mit einigen Zeilen! – Daß Brahms hier ist, ist meinem Manne u. mir eine große Freude. Hier fühlen wir uns doch, trotz der herrlichen Natur u. der guten Hillepranndts – in so erhebender Zeit – gar zu unverstanden. Brahms hilft meinem Manne doch endlich in der Begeisterung. – Tausend Grüße,
verehrte Frau Schumann an Sie u. die Ihrigen
von
Ihrer
Ursi.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1016ff
 



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