25.02.2022

Briefe



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ID: 17476
Geschrieben am: Dienstag 12.09.1871
 

Am 12ten Septbr.

Liebe Frau Schumann

Wäre ich noch mein freier Herr, wie vor meiner Anstellung, ich benützte gern die schönen Herbsttage zu einem Ausflug nach Baden, und brächte Ihnen meine Wünsche zu Ihrem Geburtstage mündlich dar. So aber sitze ich seit dem 1ten wieder im Unterrichtsjoch, und nur meine Gedanken können zu Ihnen, die öfter als Sie meinen Briefen nach glauben werden, sich mit Ihnen beschäftigen. Diesen Sommer war’s aber auch besonders schlimm mit meinem Schweigen, nicht wahr, liebe Freundin!? Innige Freude hatte ich an dem Glück, das Ihnen durch den vom Frieden Ihnen unversehrt wiedergeschenkten Sohn wurde. Wie hat der Krieg ihn zum
Manne gereift! Jetzt werden Sie ihn wohl bald an Julien abgeben, wenn Sie ihn nicht selbst zu dem kleinen italischen Enkel begleiten, was ich fast hoffe. Auch zu der Großmama-Freude meine herzlichste Gratulation! Es ist leider nur meine eigne Schuld, daß ich nichts direkt erfahre, von dem was Sie bewegt. – Miß May wird Ihnen vom Beethoven-Fest erzählt haben, und wie wir Sie alle vermißten. Meine Frau und ich hätten Sie gerne damals besucht, wären die Kinder nicht in Liebenstein so weit von uns ab gewesen. Seitdem das Mariechen so krank war, ist meine Frau natürlich doppelt ängstlich; das werden Sie, die vortreffliche Mutter gewiß verstehen! Das Kindchen hat sich aber unberufen, recht erholt <,> in der schönen Thüringer Waldgegend. Ich habe die Meinigen noch dort zurückgelassen, erwarte sie aber Ende der Woche hier in Berlin, da die Cholera nicht schlimmer geworden ist. In den Blättern steht allerlei Beunruhigendes darüber; aber es ist nicht schlimmer zum Glück als an andern Jahren im Herbst. Die Luft ist wo wir wohnen ganz vortrefflich. Ich habe jetzt die Freude gegenüber von meinen Fenster [sic] unser eignes Häuschen allmälig emporwachsen zu sehen, das bis zum Winter im Rohbau fertig werden soll. Wenn Sie einmal herkommen, werde ich Ihnen schon Ihre zukünftigen Fremdenstübchen zeigen können, worauf ich mich schon jetzt freue. Glauben Sie Weihnachten in Berlin zu zu bringen? Was haben Sie sonst vor? Ich werde wohl kaum nach Petersburg vor der Londoner Saison. Die Großfürstin hat nicht wieder geschrieben, und da ich ohnehin keine Sehnsucht nach dem Osten empfinde, werde ich lieber vor Ende Januar in Deutschland einige Conzerte geben. – Meine Schule nimmt an Zöglingen zu. Es wird sich nun in diesem Monat zeigen, ob die von mir gewünschte Commission (mit Keudell) in’s Leben tritt, von der mein Verbleiben abhängt. Möchten mir einige Worte von Ihnen Muth geben Ihnen bald wieder von mir zu erzählen! Grüßen Sie Ihre lieben Kinder, und sagen Sie Brahms, daß die Correktur des Arrangements seiner Ungarischen bereits gemacht ist. Ihr getreu ergebener
Joseph Joachim

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1037-1040

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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