19.12.2019

Briefe



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ID: 17481 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 20.04.1872
 

Berlin, d. 20ten Apl

Liebe Frau Schumann

Von Herzen danke ich für Ihre liebenswürdigen Zeilen. Im Hause geht es ja Gott sei Dank viel besser; meine Frau ist vorgestern zum 1ten Mal ein wenig in die untern Stuben, und Mariechen spielt wieder ganz lustig mit den <A>anderen. An’s Ausgehen ist freilich bei dem veränderlichen, zum Theil recht rauhen Wetter noch für beide nicht zu denken; doch soll der erste<,> ruhige, sonnige Tag dazu benützt werden. Damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen ist nun heute Johannes (der Jüngere!) wegen Halsweh aus der Schule geblieben; es scheint aber unschuldig, wie jetzt hier viel Menschen erkältet sind. Von meiner Schule3 habe ich jetzt ziemlich viel Arbeit, je mehr sie sich vergrößert und auf selbstständigern Beinen steht; aber auch manche Freude. Ich will in etwa 14 Tagen ein Lebenszeichen derselben vor geladenen Hörern geben:
1. Concert für Streichorchester von Händel
2. 4 händige D-dur Sonate von Mozart
3. Concert für 2 Violinen von Bach.
4. Phantasie von Mendelssohn (die Janotha)
5. Menuett u. Fuge aus <> dem C dur-Quartett von Beethoven, auch von sämmtlichen Streichinstrumenten gespielt. Letztere können sich hören lassen, darf ich unpartheiisch sagen, und ich wollte Sie könnten mitgeladen werden! Das Programm ist doch hübsch? Mit der Zeit soll’s auch noch besser, und nie länger werden! Dieser Tage schrieb mir Woldemar den hier mitzuschickenden Brief. Es ist vor der Hand gar keine Stelle vacant; denn für Ihren Namen wäre ja keinesfalls ein Ersatz. Aber ich wüßte wohl überhaupt für künftige Fälle gern Ihre Meinung über den Klavierlehrer Bargiel, und setze von Ihnen voraus, daß der Kunst gegenüber bloß verwandschaftliche Rücksichten Ihr Urtheil nicht diktiren werden. Daß ich verschwiegen sein kann<,> wissen Sie hoffentlich. Mir scheint B’s Spiel an einer gewissen trockenen Schärfe zu leiden, die auch den Grundton seines Anschlags ausmacht. Ein wie gewissenhafter, tüchtiger Mann er ist, weiß ich bei alledem ganz genau von meinem Freund. – Nach Karlsruhe kann ja meine Frau auf keinen Fall; und auch mir würde es sehr schwer, wenn auch nicht unmöglich, mich auf 3 bis 4 Tage los zu machen. Schade, daß es nichts <> giebt! Grüßen Sie Ihre Marie u. Felix; auch die lieben Burnands. Meine Frau hat sich über’s reizende Butter-Döschen eben so sehr gefreut, wie ich über den Krug. Sie dankt von Herzen; aber schreiben kann sie noch lange nicht, da sie wirklich recht matt ist. Ich bin und bleibe getreu ergeben
Ihr
Joseph Joachim

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1061f.
 



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