25.02.2022

Briefe



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ID: 17514
Geschrieben am: Dienstag 02.05.1882
 

Berlin, d. 2ten Mai 1882.

Liebe, verehrte Frau Schumann!

Noch habe ich nicht gedankt für Ihre gütigen Zeilen aus Brüssel, die mich gleichwohl als Zeichen freundschaftlicher Gesinnung sehr gefreut haben. Auch mir wäre es viel sympathischer die Mädchen in Deutschland, und zwar am Ort meines Aufenthaltes zu wissen, und behalte ich mir auch vor dies später so einzurichten. Nur dies gleich zu thun gieng aus verschiedenen Gründen nicht an: 1tens kann ich keine definitive Einrichtung vor Beendigung des Prozesses treffen. 2tens halte ich es für sie für besser, da sie eben erst den Schulunterricht unterbrochen hatten, um nicht gleich wieder darin einen Wechsel eintreten zu lassen. Sie sind eben erst in der sehr guten Londoner Schule ⎡wieder⎤ in Gang gekommen, und es ist auch günstig für sie und keine für die Zukunft verlorene Zeit ein Jahr lang tüchtig englisch zu treiben. Außerdem sind sie körperlich und geistig in dem Institut, in welches sie von nun an auch zu wohnen kommen, gut aufgehoben. Ich habe die beiden Damen, welche ihm vorstehen, persönlich kennen gelernt. Es sind deutsche, deren eine mein Bruder schon seit mehr als 30 Jahren kennt; gebildete, nicht pedantische, geistig rege Naturen, welche meinen Mädchen sympathisch sind, und diese in’s Haus nehmen, weil sie ⎡auch⎤ ihnen auch gefallen. Außer Marie u. Josephchen wohnt Niemand im Hause, und können sich daher die beiden Damen mit Ausnahme der Schulstunden (welche auch meine Nichten Gertrud und Mende besuchen) ⎡ihnen⎤ genug widmen. Die Wohnung ist hübsch, in guter Luft (bei Onslow Square) und die Verpflegung sorgfältig. Ich muß freilich für jedes Kind 180 £ zahlen, also etwa 2400 Thaler zusammen ⎡inclusive Klavierunterricht⎤, aber für das erste Jahr will ich diese Ausgabe nicht scheuen. Später sollen sie wieder nach Deutschland, wo ich es billiger haben kann. Verzeihen Sie diese Ausführlichkeit, ich glaubte aber Ihrem liebevollen Interesse genau Auskunft schuldig zu sein. Wie ist Ihnen London in der Nachwirkung bekommen? Von mir ist ja leider nichts Neues zu berichten. Ich esse nicht im Hause, um das peinliche Zusammensein zu vermeiden, und zerstreue ich mich auch einmal bei Freunden, so kommt der Gedanke an das was ich verloren mir nachher um so herber zum Bewußtsein. Das muß eben ausgehalten werden! – In der Schule habe ich an der Orchester-Klasse einige Befriedigung; neulich machten wir z. B. die tragische Ouverture und die ⎡zu⎤ Manfred, dß man sie recht beim Einstudiren genießen konnte. Bald fange ich nun die Proben zur dramatischen Aufführung an, die diesmal wegen Umbau des K. Theaters in der Friedr. Wilhelm-Stadt sein muß, wo jetzt die Meininger gastieren. Wir werden Fragmente aus Fidelio, aus Cosi fan tutte und den ganzen Weber’schen Abu Hassan geben. Oeffentlich gespielt habe ich außer unserer letzten 4tett Soirée, die sehr gut ausfiel, noch Brahms Concert in Hannover und gestern hier meine Variationen in der K. Sinfonie-Soirée unter Taubert. Beides mit erfreulichem Erfolg. – Eben habe ich die Original-Partitur zur Schumann’schen Phantasie herausgelegt, um sie Bargiel zu geben. Mit letzterem verkehre ich jetzt freundlicher. Bei dem Schumann Manuscript darf ich nicht unerwähnt lassen, dß mir vorgestern Schoene sein Herz ausschüttete, wie betrübt er sei, dß sich leider der von Ihnen für die Mscrpte geforderte Preis vom Finanz-Minister nicht erreichen läßt, obwohl der Kultusminister sogar persönlich in der Angelegenheit an seinen Kollegen geschrieben. Die verlangte Summe ist freilich viel größer als die z. B. für die mindestens doppelt so zahlreichen Mscrpte Cherubini’s bewilligte, unter denen auch viel bis jetzt Ungedrucktes sich befand. Läßt sich nicht vermitteln? Verzeihen Sie diese Frage; aber vor allem diese lange Epistel.
Die beiden Töchter und Sie herzlich grüßend
J. J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1220-1223

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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