19.12.2019

Briefe



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ID: 17517 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 05.07.1873
 

Berlin, d. 5ten Juli

Liebe, verehrte Freundin!

Es sind schon 8 Tage, daß Ihr lieber Gruß zum Geburtstag kam; aber meine Zeit geht so rasch dahin in der Schulthätigkeit, daß ich meine es läge nicht die ganze Woche dazwischen! Wie liebenswürdig von Ihnen, den Tag in Ihrer treuen Erinnerung zu pflegen; thut solche Aufmerksamkeit immer gut, <> wie nun erst von Ihnen! Innigsten Dank aus ganzem Herzen dafür. Hätte ich doch nur angenehmes zu schreiben; aber Sie berühren die Frage des Requiems, und das ist mir allerdings eine wunde Stelle, – denn leid thut’s mir natürlich gar sehr daß es fortbleibt! War es doch mein erster Gedanke<>, und hatte ich beim Entwerfen des Programms auch ernstes Gewicht darauf gelegt. Aber es ist jetzt zu spät noch etwas an dem nun gedruckten Programm zu ändern, und so ist es besser wir lassen alles Erwägen der Ursachen auf ein mündliches Begegnen. Nur eines möchte ich (um damit Sie nicht etwa geneigt sind Brahms Schuld bei zu messen, als habe er diplomatisirt) sagen, die Initiative zum Streichen des Brahms’schen Werkes gieng von mir aus. Ich verlor, durch die Diplomatie von Brahms wohl nicht – aber durch seine ganz undiplomatische <>, unverkennbare <Kälte> vornehme Kälte, selbst jenen Enthusiasmus, der allein mir über das Bedenkliche einer enormen Anspannung der Kräfte (gegen den ursprünglichen Wunsch der sonst im Comité Betheiligten) weggeholfen hätte. Habe ich mich geirrt, so – will ich mich gerne von Herzen freuen, sobald ich davon überzeugt bin. Denn daß ich es nicht <habe> ohne weiteres verschmerze, beim Anhören Brahms’scher Musik nichts Persönliches mehr zu empfinden, ist trotz der reinen Kunstanschauung, die so etwas anerzieht, eine mir sehr bewußte Wahrheit. Ich sehe ich habe wohl mehr gesagt, als ich wollte, und als nöthig gewesen wäre um unsern Freund von dem Vorwurf der Doppelzüngigkeit zu klären, den ich nicht einen Augenblick ihm angedichtet. Wegen des Ausdrucks „ich möchte keine Fragmente“ bin ich doch wohl mißverstanden. Ich bezog es darauf, daß ich es bei dieser Gelegenheit für unstatthaft halten würde blos ein paar Lieder aus „Frauenliebe“ zu bringen, obwohl das für meine Frau die dankbarste Wahl wäre, und die ganze ist entschieden zu lang. Schade ist’s allerdings, daß eine der unsterblichsten Schöpfungen Schumanns, vielleicht das Innigste des modernen Liederschatzes überhaupt, bei der Gelegenheit einer Feier fehlt. Finden Sie’s nicht? Was meinen Sie nun zu folgenden Vorschlägen; entweder
a) „Ich kann wohl manchmal singen“ (Wehmuth, Eichendorf[)]
b) Sonntags am Rhein, oder
a) „Heiß mich nicht reden“
b) Mignon (in F moll allerdings statt in G moll).
Es ist nicht ganz leicht sich zu entscheiden; antworten Sie bald auf diese Fragen, denn meine Frau möchte am liebsten mit Ihrem Einverständniß wählen, und ich versprach, da sie Montag schon mit den Kindern nach Norderney reist, bald darüber zu berichten. Naive Lieder wie die Hütte, und „ach wüßt’ es der König“ wollen uns nicht passend vorkommen. – Über den „verletzten“ Brief Ihrer Schwester werden Sie Sich hoffentlich nicht selbst wehthun. Das fehlte auch noch, daß man auf jeden Privatwunsch Rücksicht nähme bei so großem schönen Anlaß, wo man sich schon zusammen nehmen muß einigermaßen in der Hauptsache zu bestehen. Übrigens, so viel Köpfe, so viele Meinungen ist ein altes Sprüchwort! Von einer Verlegung des Festes habe ich <> bisher kein Wort gehört. Viel Unterschied in der Temperatur wäre zwischen Mitte und August nicht, und Verschiebungen dämpfen immer, meine ich. Wegen der<en>
Wohnungsangelegenheit schreibe ich an Wasielewsky. – Wir sind hier alle recht erkältet; und ich oft recht ermüdet, muß aber noch bis 1ten August aushalten. Grüßen Sie alle Ihre Lieben; auch Natalie einen Gruß. Ihr J. J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1111ff
 



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