25.02.2022

Briefe



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ID: 17538
Geschrieben am: Montag 04.05.1891
 

Bendlerstr. 17 d. 4. Mai

Liebe, verehrte Frau Schumann!

Sie werden, wie ich höre, in der allernächsten Zeit auf mehrere Wochen nach Baden reisen, und so sehr ich mich freue mir Sie in dem erfrischenden Frühling, der endlich eingetreten, in der schönen Waldumgebung zu denken, so ist es nicht ohne den wehmüthigen Beigeschmack Sie in größere Ferne gerückt zu wissen. Ich hatte mich sehr darauf gespitzt Pfingsten nach Frankfurt zu reisen, und 2 Tage in Ihrer Nähe zu sein; das geht mir nun verloren, denn die Zeit langt nicht zu dem doch beträchtlich weitern Ziel. Möchte mir August oder September an anderm Ort dafür Entschädigung bringen. Ich habe ein seit 2 Jahren immer verschobenes Concert für die Kapellmitglieder-Wittwen in Weimar um die Pfingstzeit zu spielen, und muß am 21ten Mai zum Wiederbeginn der Schule hier sein. – Gar sehr habe ich Ihrer bei dem Verlust unseres guten, treuen Arthur Burnand gedacht; das gieng Ihnen und den Kindern gewiß auch recht nahe, wie mir. Es sind gar liebe Erinnerungen, die sich an das gemüthliche Heim in Hyde Park Gate knüpfen! – Auch Moltke’s Tod hat mich mit Trauer erfüllt. Aber welch’ schönes Ende für den großen, tapfern, milden Mann. Beneidenswerthes Scheiden nach herrlichen Thaten! Er war lange bereit, und wandelte, der Unsterblichen einer, in Hoheit ruhig unter uns bis er abberufen ward, schmerzlos scheidend. Am Tage der Feier für ihn war in London Gertrud’s Hochzeit; ich wäre liebend gerne dazu hingereist, wie ich halb und halb versprochen. Wieder hielt mich die Schule hier zurück! Diesmal wenigstens ein erfreuliches Einstudiren für einen Musik-Abend, dessen Programm ich mitschicke. Es gieng wirklich schön, und ich hätte nur gewollt, daß wir Ihnen es hätten vorspielen dürfen: die herrliche Sinfonie mit dem urschumann’schen Adagio, einem meiner Lieblingsgesänge in der ganzen Musik. Ich glaube es hätte Sie erfreut, wie die jungen Leutchen es spielten. Auch das Einstudiren des Frithjoff war ein großes Vergnügen für mich; ich wüßte nach Brahms doch kein schwungvolleres Werk der neuern Zeit, und mir that es wohl dem vielgekränkten, von Sorge heimgesuchten Bruch damit eine Huldigung zu bereiten, die ihm trostreich wirkte. Er hält sich tapfer, und ein neues Violin-Concert, das er in den letzten Monaten schrieb, und das ich am 31ten Mai in seinem Benefiz in Düsseldorf spielen werde, macht ihm wieder alle Ehre – doch nun habe ich Ihnen wohl schon viel vorgeplaudert. Möchte ich doch einmal wieder eine Zeile von Ihnenoder über Sie und Ihr Befinden erhalten. Es sehnt sich darnach Ihr verehrungsvoll von Herzen ergebner
Joseph Joachim

Von meinen Söhnen und Frau von Beulwitz angelegentlichste Grüße. Von der Talent - und anmuthreichen Ilona und dem trefflichen Borwick könnte ich viel erzählen, Sie wetteifern darin Ihnen Ehre zu machen. Bei ersterer wird sich die Ruhe zu allen reichen Gaben noch hinzugesellen müssen. B. hat mich durch seine Fortschritte seit vorigen Winter überrascht und erfreut; ich musicirte sehr gerne mit ihm.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1416ff

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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