25.02.2022

Briefe



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ID: 17550
Geschrieben am: Freitag 07.09.1894
 

Göttingen, Friedländerweg No 7.
den 7ten Septbr

Liebe verehrte Freundin!

Es war meine liebevoll gepflegte Absicht Sie und die Ihrigen, auch Wach’s in Interlaken während meiner Ferien aufzusuchen. Aber leider kann es nun nicht mehr dazu kommen! Ich habe mich genöthigt gesehen wegen erneuter gichtischer Anwandlungen in den Armen und Händen eine Autorität hier, wo ich meinen ältesten Sohn auf ein paar Wochen besuchte, zu befragen, und Prof. Ebstein hält es für dringend, daß ich die nächsten Wochen noch einer gründlichen Massage-Kur widme, von denen [sic] er sich Erfolg verspricht, und deren Anfänge ihn in der That auch mir zu versprechen scheinen. Sie haben, theuere Freundin, ähnliche Befürchtungen überstanden, und Sie wissen wie bange es Einem zu Muthe ist, wenn die Gefahr vor die Seele tritt der geliebten Musikpflege für die eigene Person zu entsagen. Einmal muß es ja geschehen, und ich mache mich oft mit dem Gedanken vertraut; aber so lange man doch denkt durch sorgfältige Behandlung einen Aufschub zu ermöglichen, muß man Hand anlegen, um sich nachher keinen Vorwurf zu machen. Ich hatte gehofft den 13ten September mit Ihnen zu verleben; nun muß ich mich mit der Frage begnügen wann Sie nach Frankfurt zurückkehren, um wenn Sie vor Ende des Monats schon dort wären, mich dann bei Ihnen auf ein paar Tage zu melden bevor ich nach Berlin in’s Winterquartier gehe. Schreiben Sie mir, bitte, eine Postkarte als Antwort, und womöglich gönnen Sie mir die Entschädigung Sie aufzusuchen. Möchten Sie doch in der Schweiz mehr Sonnenschein erlebt haben als wir hier; kaum 7 Tage ohne Enttäuschung durch die liebe Sonne! Schwüle, Kälte und Regen war die Losung. Ein paar angenehme Tage hatte ich durch einen Besuch bei Rudorff’s, der ganz der alte, feinsinnige Musiker und Freund war, an allem mit frischem Sinn theilnehmend. Und doch scheint er zu zweifeln ob der Versuch gelingen werde die alte Thätigkeit mit Erfolg aufzunehmen! Er will ihn aber im Oktober machen.
In der Erwartung von Ihnen bald zu hören grüße ich Sie und Ihre lieben Töchter herzlich, in alter Treue
Joseph Joachim

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1466ff

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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