15.07.2019

Briefe



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ID: 17766 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 19.08.1864
 

Baden, 19. Aug. 64.
Liebe theure Fr. Schumann!
Ihr Brief fiel wie ein schöner wohlthuender Strahl in mein Herz, – und wie kann ich Ihnen meinen Dank dafür schildern; ich war voll Freude, ja, ganz stolz darauf einen so lieben Beweis Ihrer Erinnerung – ja darf ich sagen – Anhänglichkeit? zu erhalten, u. Sie fühlen hoffentlich, wie von ganzer Seele sie Ihnen erwiedert wird; das ist doch ein großes Glück im Leben, wenn ein Wunsch so ganz in Erfüllung geht wie der meinige – Ihnen einst näher treten zu dürfen – wo es seit Jahren hinzog, – und nun ist es da, in seiner ganzen Größe, und nur noch schöner, als mir geahnt! – Wißen Sie, daß es nicht leicht ist, Ihnen zu schreiben,? denn die Gedanken die Gefühle überstürzen sich, – lassen Sie mich vor Allem Ihnen sagen, wie froh ich bin die Hälfte Ihres Urlaubs überstanden zu wißen – Ihr Häuschen u. Garten sind so leer, – ich mag garnicht hinsehen! Gottlob, daß Ihnen die großartige Schweizer Natur zusagt, um die Eis Temperatur dort oben sind Sie freilich minder zu beneiden – um so eher erblickt Sie dann wohl unser liebliches Baden wieder; Ihrer Freundin geht es gut, – ich sandte Gestern die Steuber zu ihr hin um ihr die Nachrichten von Ihnen mitzutheilen, und um Ihnen heute schreiben zu können, wie sie sich befände. Länger als die 3 Wochen, meint sie, würde sie es allerdings nicht mehr hier aushalten, indem ihre Einsamkeit so groß! Die arme Seele ist Einem bei jedesmaligem Sehen ein Schnitt ins Herz! sie thut Einem unaussprechlich weh, besonders wenn man ähnliches Leid beständig vor Augen hat. – Brahms war denn wirklich da, und zwar 2 Mal vergebens, weil ich in Carlsruhe, oder spazierengegangen war; dann ließ ich ihn bitten, zu kommen, u. er kam, und erschien seitdem noch 2 Mal von selbst, und spielte unaufgefordert alle möglichen Bach’schen Präludien, Fugen etc, so auch 2 Sätze der wunderherrlichen f moll sonate Ihres Mannes, welche mir noch unbekannt; er selber und sein Talent, sein Gedächtniß, seine Auffassung, machten mir wieder den interessantesten Eindruck, höchst bedeutend und bemerkenswerth – ich dachte stets an Sie, u. an Ihr treffendes Urtheil, daß weniger die Gemüthstiefe, als die Verstandesseite meist hervorragend, u. zwar in riesigem Maaße; auf meine Frage, ob er Ihr pianino viel benutzte, sagte er, nein, nur wenig; ganz unter uns gesagt, glaube ich, er hat wohl ziemlich viel gespielt, aber nicht auf dem Claviere; er bekannte es auch selbst, meinte zwar nicht sonderlich verloren, doch auch kaum noch gewonnen zu haben. Rubinstein ist darin ziemlich brav geblieben, nur am letzten Tage hat er, glaube ich, gespielt, oder für sich spielen lassen; – hat aber ebenfalls balancirt. Er sprach mir von einem lieben Schreiben, welches Sie zum Abschied an ihn gerichtet hätten, und schien wahrhaft erfreut dadurch, nur betrübt, Ihnen haben kein lebewohl sagen zu können! 2 Tage nach Ihnen, reiste er nach Ragatz zur Großfürstin H., von wo er nach 3 Tagen zurückkam, u. dann noch anderthalb Tage hier zubrachte, worauf er seinen diesjährigen Badischen SommerAufenthalt damit beendigte, daß er nun zur Kur nach Ostende ging, von dort kehrt er am 7ten September nach Petersburg zurück. – Seine Zukunft hat sich nämlich so gestaltet, daß er neuerdings wieder vorläufig auf 1 Jahr an seine bisherige rußische Stellung gebunden bleibt, indem die Großfürstin jetzt sehr liebenswürdig gegen ihn war, u. nicht hat brechen wollen; demnach wird sich im Laufe des Jahres wohl Manches am Conservatorium arrangiren laßen, und fast scheints annehmbar, daß er dann immer da bleibt. Es ist doch eigentlich das Beßte; denn was würde sonst aus ihm werden? – Am letzten Tage hat er noch viel hier musicirt, u. ich durfte die Brahms’schen variationen13 mit ihm versuchen, aber es ging natürlich so schlecht daß wieder Gewitter Wolken auf seine Stirn traten.
Schade, daß er leider fort ist! denn ich schätze ihn sehr, und nun bin ich doppelt froh, daß Brahms noch bleibt (obschon es vielleicht beßer für ihn wäre wenn es nicht zu lange währte, des Beutels wegen) denn sonst wäre es eine musik-arme Zeit. –
Vom Musikfest in Carlsruhe verspricht man sich nicht viel, alle Bedeutenderen haben abgesagt. – Die Viardot besuchte ich einmal, in den letzteren Tagen war sie erkältet. –
Meine Tante (Königin) ist nun wieder eingetroffen, der König kommt den 25sten, u. meine Eltern wenig Tage später. Da fürchte ich beinah, unser Wiedersehen wird während dieser Zeit zum Abschied werden, da die Verwandten mich ja ganz mit Beschlag belegen werden,? doch in jedem freien Stündchen fliege ich doch dahin wo meine Gedanken schon immer sind. Es fehlt auch noch so Vieles zum Kennenlernen, die Gedichte Ihres Mannes, seine sonaten, die Fantasie op 17. wiederholt, der letzte Schubert’sche Marsch ausgespielt, (den der Besitzer eines neuen Fracks unterbrach,) etc etc. So ist des Wünschens und Sehnens doch nie ein Ende! – Und wenn ich Sie von der Vergangenheit reden höre, dann ists mir als ginge Alles vor mir auf! – Brahms brachte ich auf das Capitel Ihres Mannes. Da wurde er doch ganz feurig und sprach so voll bewundernder Liebe von seinem unvergeßlichen Meister, daß ich im Stillen mich daran erfreute! – In meinem Haus ist Alles Gottlob wohl der Prinz u. Frl. v Steuber grüssen besstens, und mein Kleeblatt der 3 Kinder ist sehr vergnügt. Ich möchte wissen, wie es nun um die Zukunft Ihres ältesten Knaben steht, Brahms war neulich mit ihm zusammen gewesen u. sagte lauter Gutes über seinen (eigenthümlichen) Karakter! –
Wir lebten hier ganz still, Gottlob ohne Feste oder viele neue Menschen; am Liebsten weilt man doch allein in dieser heiligen Natur, vom sonnendurchstrahlten Aether überwölbt, die Welt im Schatten, der Himmel nah, und Gott in der Seele!
Mit innigem Handdruck muß ich nun schliessen; grüssen Sie Ihre lieben Töchter, pflegen Sie sich für die Kunst und Alle, die Sie lieben, und denken Sie fernerhin freundlich Ihrer treuen, dankbaren
Anna

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Baden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 39-43
 



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