15.07.2019

Briefe



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ID: 17772 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 15.01.1865
 

Baden Baden 15. Jan. 65.
Meine liebste Fr. Schumann!
Da sitze ich denn endlich und erfülle mir selbst den lang gehegten Wunsch, Ihnen ausführlich zu schreiben, und Ihnen von ganzem Herzen zu sagen, wie ich an Sie denke! und wie ich Ihnen danke, für Ihr Vertrauen mir Ihre Elise überlassen zu haben, und wie ich Ihnen Segen wünsche zu einem reichen, schönen, neuen Jahre, und Ihnen noch so Vieles, Vieles zu wiederholen, was ich für Sie fühle, vor Allem aber wie ich Sie so aufrichtig lieb habe, und nur trauere es Ihnen schriftlich so schlecht u. selten zu beweisen – Nichtwahr, Sie sind mir in Gedanken recht bös? ja, u. ich war so faul! daß ich mich wohl selbst anklagen muß, – aber mehrere Arbeiten, wie noch ältere, wichtigere Briefschuld, dann die Weihnachtszeit, etc, nahmen meine Zeit wie Elise bezeugen kann ganz vollständig in Anspruch, und wenn ich täglich bei Elise vor Ihren Bildern stehe, u. meine Gedanken dabei habe u. mich zurückträume in den Sommer u. alle seine Freuden, dann meine ich immer, Sie müßten das fühlen; weil wir im Grunde nichts anders thun, (außer Clavierspielen) als spät u. früh von Ihnen reden, u. uns Ihrer erinnern – Ach wenn Sie doch da wären!! – was gäbe das für eine Wonne! – Nun habe ich freilich Ihr liebes Kind, u. sollte nicht klagen! Aber der Mensch ist nie zufrieden! hätte ich die Mutter doch auch! – Liebe, liebe Schumann, Sie wissen garnicht wie ich mich freue an dem Schatz, den Sie mir anvertraut haben; Elise ist so herzensgut, u. liebenswürdig für mich u. mir von solcher Annehmlichkeit und solchem Nutzen, daß ich förmlich erschrecke, wie diese Wintertage fliegen u. wie schnell sie dahin sind; – mein Mann, u. Alle im Hause haben sich wahrhaft an sie attachirt, zumal meine Kinder, (die Elise aber auch ganz verzieht,) u. die sich so sehr an sie gewöhnt haben. Des Morgens ist Ihre liebe Tochter meist sehr fleißig, arbeitet stundenlang Theorie oder übt sich, dann spielen wir oft Nachmittags etwas, und Abends regelmäßig. Wir hatten auch eine Zeit des Ausruhens dazwischen, das war die sehr heitere wo man täglich 2–3 Stunden Schlittschuh lief aber Abends so müde davon war, dß man die Glieder kaum rühren konnte – Elise ist eine geübte Läuferin, es war ein gar großes Vergnügen, u. wir sind außer uns übers Thauwetter. – Unsere Exercitien fanden auf der gefrornen Wiese, zwischen Bellevue u. der Schwimmschule, statt, die halbe Stadt nahm dran Theil, oder wohnte auf der allée als Zuschauer bei – Ein Bruder des Violinisten Heermann, u. Pfarrer Schwarz waren die beßten Läufer, letzterer that unglaubliche Kunststücke, zu komisch u. possirlich für einen Pfarrer! Ihre liebe Tochter trotz ihrem Geschick, hatte gleich das erste Mal bei der Glätte einen Unfall, u. fiel auf ihre Hand, der Schaden wurde jedoch bald beseitigt u. Gottlob zog sie sich sonst nichts zu, – auch die Donnerstags Expeditionen nach Carlsruhe liefen bisher (unberufen) gut ab, – wir schützen und hüten sie ja wie unsern Augapfel, u. ich kann Ihnen nur gute Nachrichten geben; und Ihnen immer und immer wieder aussprechen wie warm u. innig mein Dank u. meine große, große Freude! – Wir haben schon viele Herrlichkeiten zusammen gespielt u. ich hoffe auf noch manche – einige der 4händigen Noten aus Ihrem schönen Vorrath sind mir leider zu schwer, u. A. geht mir das (gewiß schöne) Brahms’sche Conzert über meinen Horizont, oder vielmehr über meine Finger! u. noch manch Anderes. Die 4 sinfonien u. noch Vielerlei Ihres Mannes bilden stets das Liebste, was wir spielen; auch das erste (c moll) conzert Bach’s, für 2 Claviere, – das 2te in c dur wird nun bald folgen! Wenn etwas besonders gut geht, (wie z. B das Sextett v. Brahms,) dann geben wir ein Conzert, d. h. wir tragen es (zitternd) vor Frl. v. Steuber u. Hrn Lohr vor, die dann unser Publikum sind! Elise wollte erst ungern allein vorspielen – ich sage ihr jedoch diese zu grosse Bescheidenheit sei garnicht am Platze, wenn man so gut spielt wie sie, – so hörte ich denn mit wahrem Genuß bereits die g moll sonate Ihres Mannes, einige der Fantasiestücke u. zwar die minder gekannten, darunter meinen Liebling „in der Nacht“, Bach’s italiänisches Conzert u. Mehreres was sie vortrefflich u. mit dem schönen Anschlag vorträgt, den ich mir abzulauschen strebe! – (doch vergeblich.) Mit Neid las ich in den Zeitungen aus Berlin, daß Sie dort wären, u. studirte Ihre gar zu einladenden Programmes mit Stockhausen, u. wünschte, meine Landsleute u. Verwandten möchten sich des ihnen Gebotenen würdiger zeigen, als es sonst der Fall war! Ob dem so ist? Wie würde es mich interessieren zu erfahren. Sollten Sie finden, daß ichs noch verdiene, u. haben ’mal Lust u. Zeit u. Ruhe, so beglücken Sie mich einst vielleicht wieder mit so einem Briefe, wie Sie sie zu schreiben pflegen, nämlich mit einem recht lieben! – Der Glanz- und Culminationspunkt meiner sommerlichen Erinnerungen bleibt immer Ihr Häuschen, und alles drin Verlebte, Unvergeßliche; jener einzelne Moment ist mir gegenwärtig, u. die Befürchtung im nächsten Sommer abwesend zu sein, grade wenn Sie einziehen, macht mich seufzen! ich begreife garnicht wie ich das aushalten werde. Da aber unser Schloß Rumpenheim dicht oder wenigstens unfern Frankfurt a/M. liegt, so werde ich mir von dort Urlaub erflehen, Sie mindestens auf einen Tag zu besuchen. Ob wir uns mit der Zeit ganz in Baden niederlassen, ist noch ungewiß, doch nicht unmöglich – leider ist die villa Merk, die einzige, die uns conveniren würde, aber noch ganz unerschwinglich, so auch das terrain das wir diesen Sommer bewohnten u. deßen Lage freilich die allerschönste ist – jenseits der See winkt uns auch eine ganz wundervolle Häuslichkeit, ein goldnes palais in dem meine Kinder geboren u. wir während 10 Jahren Freude u. Schmerz erlebten, daß man sich davon schwer losreißt, ist also auch begreiflich – und doch, fürchte ich, wird die zwingende Gewalt der merkwürdig verwickelten Verhältnisse uns am Ende dazu nöthigen. Jedoch der Mensch denkt und Gott lenkt, das ist mein Trost in all diesen Wirren! Das, was mir das liebliche Baden wohl am Meisten anziehend erscheinen läßt, wäre unbedingt die Aussicht Ihrer Nähe; denn wie wohlthuend wäre diese! Hörten Sie Etwas von Brahms? Das Manuskript scheints machte ihm Freude. Zu meinem großen Bedauern aber schrieb er, seine mir gewidmete sonate läge noch da ohne daß ein Schritt geschehn wäre, sie drucken zu lassen – wann werde ich das schöne Werk also in Wirklichkeit besitzen!? so lange Elise hier ist, – schwerlich – bitte, wenn Sie nach Wien kommen, helfen Sie doch ein ganz klein wenig, daß meine sonate nicht gänzlich in Vergeßenheit kommt – ewig schade, dß es schon so lange dauert!! Ihr Stutzflügel bewährt sich, u. ist mir sehr nützlich, Hr. Alffermann sieht aber noch jedes Mal wenn er kommen muß sehr übler Laune aus. Mein größter Wunsch ist, Elise möge sich heimisch unter uns fühlen und Baden nicht zu einsam finden; sie trägt aber die Einförmigkeit mit vieler Freundlichkeit; – im Ganzen lebt man ja im Winter hier still, u. abgeschieden wie auf dem Lande! Wenn nur das Schlittschuhlaufen noch wiederkommt. Die 3 Kinder sind wohl u. jedes in seiner Art vergnügt; der Prinz, die Steuber lassen herzlichst grüßen; das angenehm ruhige Dasein stärkte uns Alle. –
Als wir Mitte Novbr in Stuttgart zu Besuch waren, konnte ich nicht umhin, der Königin einfach zu erzählen, man habe daselbst die Gastvorstellung der Viardot grade an dem Tage angesetzt, wo Sie hätten concertiren sollen. Letzteres wußten die Majestäten garnicht, u. die Königin, die sich überdies warm über Sie äußerte, ließ in meiner Gegenwart den Theater Intendanten rufen u. fragte ihn, wie das zuginge; sie wäre ganz außer sich, Ihnen in die Quere gekommen zu sein; der Intendant wußte aber eben sowenig etwas davon, – u. wendete sich an den Capellmstr Eckert, und dieser mußte dann eingestehen, wie die Sache war; die Königin war bös darüber, u. hätte Sie am Liebsten sogleich nach Stuttgart einladen lassen; ich bemerkte ihr jedoch Sie hätten lauter andere engagements, u. wahrscheinlich wenig freie Zeit. – Jetzt, sah ich meine cousine Olga in Carlsruhe wieder, und da erzählte sie mir, sie habe Ihnen nun doch schreiben lassen, mit der Aufforderung in Stuttgard zu spielen, und Sie hätten ihr, zu ihrer Freude, zum April zugesagt. – Aber bestürzt waren wir, Gestern der Zeitung zu entnehmen, Sie seien krank! und das 2te Berliner Conzert darum ohne Sie! Gebe Gott, es sei nichts Schlimmes u. wir brauchten uns nicht zu ängstigen!
Leben Sie wohl für diesmal grüssen Sie Marie, und denken Sie zuweilen theure Fr. Schumann Ihrer Sie v Herzen liebenden
Anna

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 48-54
 



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