15.07.2019

Briefe



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ID: 17773 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 21.03.1865
 

Baden 21 März 65
Liebste Frau Schumann!
Haben Sie tausend Dank für den lieben freundlichen Brief, wie für die ganz besondere Freude, am Schluß Ihre eigenen lieben Schriftzüge zu erblicken, welche hoffentlich die arme Hand, die sie ausführte, nicht zu sehr ermüdeten! Gewiß müßen Sie fortfahren, sich recht zu pflegen u. zu schonen, wie es die traurige Nothwendigkeit fordert, damit Sie keine noch schlimmere, d. h. bleibende Folgen spüren. Es ist doch arg mit solchen Verstauchungen u. Verrenkungen; Elise z. B., die Garnichts begangen hat, bekam dieser Tage auch wieder Schmerzen in ihrem rechten Arm und Handgelenk, wie der Arzt meint wahrscheinlich in Folge von irgend einer Erkältung, die sich sofort darauf geworfen hat; es hat durchaus nichts weiter zu sagen, u. wird wohl bald vermöge der Einreibungen gehoben sein, Elise ist auch ganz frisch u. wohl dabei, u. giebt ihre Stunden, aber ich dringe doch darauf, daß sie wenig selber spielt, u. halte ihr eine Menge schöne Reden von Vorsicht! Lewi in Carlsruhe hat eine fleißige Schülerin an ihr; denn sie arbeitet oft ihre theoretischen Aufgaben bis in die späte Nacht hinein, u. scheint es sehr weit darin zu bringen; jetzt ist sie schon dermaaßen vorgerückt, daß sie z. B. aus der Manfred Partitur einen 4-händigen Clavier Auszug ganz allein zusammensetzt, mehrere Stücke sind schon gelungen! Ich stehe immer wie der Ochs am Berge, vor dieser unermüdlichen Ausdauer, u. dieser Geschicklichkeit, leider verstehe ich garnichts davon, habe sogar keine wirkliche Kenntniße in der Musik! nichts als Begeisterung u. Liebe! ich wiederhole immer an Elise wie sie doch glücklich sei, solche Eltern zu besitzen u. bin stolz in ihrer Seele darauf. Frau Viardot macht seit einiger Zeit jeden Sonntag von 3 bis 5 Uhr Musik bei sich in der Orgelhalle, u. alle ihre Bekannten sind dabei willkommen, wir fehlen gewöhnlich nicht; es ist jedenfalls eine dankenswerthe Absicht von Frau Viardot, die, abwechselnd mit ihren Schülerinnen, Gesangs Vorträge hält; dazwischen wird ’mal Harfe oder Orgel gespielt, oder der Baron Seldeneck singt. Oft kommen Welche nur aus Neugierde, und gänzlich unmusikalische Erscheinungen füllen den Saal; – (wie ja immer.) Frl. Déconnay ist wieder hier u. wurde noch nicht Ein Mal von Fr. Viardot aufgefordert, Sonntags zu singen; nur Frl. v. Pöllnitz, die übrigen Lieblinge, u. Frl. Röder, die so schön gemalt ist. – Eine grimmige Kälte ist hier eingetreten statt Frühling, – die Oos treibt Eis u. der schneidende Wind macht manche Knospenkeime erstarren. In Ihrem lieben traulichen Hause soll der Schwamm entstanden sein, das Stück Holz, das Elise als Wahrzeichen mitbrachte, sieht allerdings schlimm aus, u. zerbröckelt in der Hand, doch sicherlich beschränkt sich das Uebel nur auf wenige Balken, u. wird gründlich beseitigt. Sie fragen, wie lange wir bleiben, – vermutlich verlassen wir Baden Ende April, etwa am 20sten, oder in den Zwanzigern, um nach Berlin zu reisen wohin uns die Pflicht treibt; dort verbringen wir gewiß den ganzen Mai, u. verleben dann den Sommer in
Kurheßen, auf dem meinem Schwiegervater gehörigen Schloße Rumpenheim, (zwischen Hanau u. Frankf. a/M.) –
Da kommt die ganze Heßische Familie jeden 2ten Sommer zusammen, u. da sie ungemein weit verzweigt ist, u. meine Wenigkeit seit meiner Schwiegermutter Tod die erhöhte Pflicht hat, meinem Schwieger-Vater als dem Wirthe, bei zustehen, so darf ich nicht fehlen! Aber wahrlich will ich Urlaub haben, um im Lauf der Sommer Monate, Sie, liebe Fr. Schumann zu besuchen; dann entwische ich nach Baden! Es ist recht schade, daß Sie Wien aufgeben mußten! Wer wird nun Brahms an meine Sonate erinnern!? Die liegt lebendig begraben. Wie ists doch jammervoll, daß Sie so große Verluste haben mußten, diesen Winter, durch Ihren bösen Unfall der so lange Folgen nach sich zieht; – wäre man doch eine Fee, hätte man einen Zauberstab; könnte man all’ ihre [sic] Wünsche erfüllen, ehe sie gedacht! – Ueber das Schicksal Ihrer lieben Elise, so bald wir nach Berlin abreisen, werden Sie wohl selber verfügen, u. anordnen, ob wir sie in Ihr Lichtenthaler Häuschen abliefern können, falls Ihre Ankunft noch bevorsteht, – oder ob Sie vorziehen daß sie einstweilen nach Kreuznach zur Freundin reist; letzteres wäre wohl am Beßten, wenn sie nämlich noch nicht so bald hier einträfen; im andern Fall könnte Elise Ihr Haus gut im Voraus einrichten!? Leben Sie wohl für heut, nebst vielen herzlichen Grüßen vom Prinzen u Frl v Steuber, u. der Versicherung aufrichtiger Freundschaft, von Ihrer Sie treu liebenden
Anna.

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Baden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 57-60
 



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