15.07.2019

Briefe



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ID: 17776 Brieftext


Geschrieben am: Montag 26.03.1866
 

Baden 26 März 66. –
Meine liebe Fr. Schumann!
Seit langer Zeit drängt es mich zu fragen, wie es Ihnen geht, u. mich zu erkundigen wie Ihre verschiedenen Reisen Ihnen bekommen sind, Ihnen auch meine innige Freude an Ihren Triumphen zu schildern, die Sie in Wien u. anderswo gefeiert haben wie uns die Zeitungen meldeten, u. an denen ich im Stillen warmen Antheil nahm! Gleichzeitig hörten wir, daß in München Ihre Julie schwer krank danieder gelegen u. Ihnen Anlaß zur ernstesten Sorge gegeben habe – was ich so sehr bedauerte; aber was hoffentlich jetzt überstanden ist?! – Mit Sehnsucht habe ich während dieses Winters Ihrer gedacht u. mit Interesse bin ich Allem gefolgt, was ich mittelbar von Ihnen in Erfahrung bringen konnte – Ihr Nachbar Pastor Schwarz betrübte uns aber sehr durch die Kunde, Sie würden erst nach dem Gebrauch eines Bades u. außerdem erst nach der Londoner saison hierher zurück kehren – vielleicht wird Ihnen eine Kur zur Stärkung recht nothwendig u. heilsam sein, – nun aber giebts immer egoistische Leute, die nur an sich denken, u. denen Ihr Ausbleiben hier schrecklich nah geht. – Wenn Alles ruhig bleibt in der Welt, dann reisen wir im Mai wahrscheinlich für einen Theil des Sommers nach Holstein auf die Güter meines Schw. Vaters welcher uns einlud – doch allerdings laßen sich Pläne noch kaum machen. Einstweilen siehts hier recht leer u. öde aus, zumal in der Lichtenthaler Gegend um Ihr Häuschen herum was ich so garnicht anblicken kann, ohne traurig zu werden – Auch fehlt mir Ihre Elise u. mein Zusammenspielen mit ihr was vorig Jahr um dieselbe Zeit so hübsch war – zum Glück vernahm ich kürzlich, es gehe ihr gut, sie sei in ihrem neuem Wirkungskreis zufrieden u. habe schon 19 wöchentliche Stunden zu ertheilen, – was mir sehr lieb ist! – Wir lebten hier so still diesen Winter u. Musikfreuden wurden mir seltener, als ich wünschte zu Theil, doch wo ich welche hatte, war der Genuß stets um so größer, zumal in Carlsruhe wo Paradies u. Peri, Lieder u. Conzert v. Brahms, c dur sinfonie Ihres Mannes, Alles schön ausgeführt, mich wahrhaft entzückten.
Diese sinfonie war immer mein Liebling, sie hatte mich am Clavier schon begeistert, wie viel mehr im ensemble! Ich kanns noch garnicht vergeßen. – Wißen Sie denn, daß Brahms mir neulich sein Quintett vorgespielt hat? Lewi u. er kamen verabredeter Weise am letzten Operntag zu mir her u. brachten 4 Jünglinge vom Orchester mit die das Beßte leisteten was sie konnten, aber dennoch Verschiedentliches zu wünschen übrig ließen. Um so freundlicher war Brahms, sich mit ihnen zu begnügen, u. sich obendrein mit meinem uralten, schwindsüchtigen Érard8 zu behelfen der mich ordentlich verlegen machte, als des Spielers ganz unwerth; ja im Innern dachte ich, hättest du doch lieber für heute Frau Schumanns Flügel angenommen, statt diesen altersschwachen Kasten v. Copenhagen [haben] kommen zu lassen! Brahms war so liebenswürdig, daß Sie gewiß zufrieden gewesen wären – er versprach, ’mal wieder zu kommen, u. wiederholte das Quintett sogar zwei Mal, wenigstens die 3 ersten Sätze worin man lauter neue Schönheiten entdeckt. Jetzt bin ich kurirt von meinem Mißtrauen, es sei in dieser Form, als Quintett, minder schön; – nun bin ich erst recht eigentlich stolz! – Als Zuhörer hatte ich niemand gebeten, als Frln. Lange, der ich Gelegenheit geben wollte, Brahms u. sein Werk kennen zu lernen! Alle Uebrigen hier haben doch weniger Sinn für diese Musik, auch Frau Viardot nicht, deren matineén wieder begonnen haben, aber nur alle 14 Tage an den Sonnabenden stattfinden, 2 Mal war ich dort u. fand dieselben Bewunderer u. Programme wie anno damals; nur andere Schülerinnen. Die Viardot empfahl mir eine derselben (Ferlefi, aus Prag) zum 4händig spielen, u. die kommt nun ein halbes Mal in der Woche zu mir; ich müßte jedoch lügen, wenn ich behauptete daß ich was dabei lernte. – Wir bewohnen diesen Winter die Villa Stadelhofer, welche luftig u. gesund, nur etwas abgelegen ist; auch geht es mir persönlich gut, da ich vorläufig keine Operationsangst für den Kleinen habe, wie vergangenes Jahr. – Mein ältester Sohn ist zu den Osterferien eben wieder hier angekommen, u. das Wiedersehen mit dem kleinen Gymnasiasten der frisch u. fröhlich aussieht ist immer ein Jubel. – Der Großherzog v. Baden ist nach 4monatlicher Abwesenheit nun wieder heimgekehrt, u. zwar so ganz hergestellt, dß Louise doppelt froh ist, ihn zu besitzen. Ich denke noch an jenes reizende Morgen-Conzert bei Louise in Carlsruhe, wo Sie mit Joachim spielten, bin aber noch außer mir, wenn ich Sie damals wider Willen Wunsch u. Absicht betrübte. Ich hatte aus der reinsten Bescheidenheit so handeln zu müssen geglaubt. Nie aber werde ich wieder ängstlich bescheiden, sondern vielmehr so unverschämt, kühn u. zudringlich gegen meine liebste Fr. Schumann sein, daß diese sich wundern wird!
Allein nun muß ich Sie verlaßen! Also ein herzlich warmes Lebewohl mit beßten Wünschen für Ihr Wohlergehen, dazu viele Grüße des Przn. u. der Frl. v. Steuber an Sie u. von mir an Marie, und schließlich noch die Bitte um einen kleinen Platz in Ihrem Herzen für Ihre treue
Anna.

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Baden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 65-68
 



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