15.07.2019

Briefe



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ID: 17778 Brieftext


Geschrieben am: Montag 22.10.1866
 

Rumpenheim 22 Oktbr 66.
Liebste Frau Schumann!
Ihr theurer Brief, der mir wie ein Stückchen Ihrerselbst vorkam, war eine reine Erheiterung in Tagen trüber Sorge für mich, dankvoll will ich ihn nun heut beantworten, was noch nicht gethan zu haben mir bereits Unruhe verursacht. Aber Schreiben ist nicht leicht, wenn Ereigniße u. Empfindungen sich gleichsam überstürzen; u. das war in dieser Zeit reichlich der Fall. Gottlob, daß es Ihnen, liebe gute Fr. Schumann samt den Ihrigen im Ganzen genommen wohl gehet, – ich hörte alles Sie Betreffende mit lebhaftem Antheil, u. ließ mir durch Ihre Elise mündlich viel berichten; letzt besuchte ich sie auf ihrem ganz gemüthlich heimlichen Stübchen u. wir musicirten ein wenig – ein Genuß, den ich während des Sommers völlig entbehrt hatte. Leider sehe ich Sie wohl vorläufig nicht wieder, da unsere Winterpläne noch in der Luft schweben; mancherlei Aussichten u. Wünsche sind vernichtet u. zertrümmert worden u. wohl kann man sagen, daß dieser Sommer unauslöschliche Furchen hinterläßt; was uns persönlich angeht, so werden Leid u. Mißgeschick uns hoffentl. dem Himmel näher bringen, denn die Erde ließ uns im Stich! Zwar meinen immer Einige, es könne u. werde nicht so bleiben! Allein um uns neubegründete, lichtvolle Hoffnungen wiederzugeben, dazu würde es eines besonderen „Fiat“ der Vorsehung bedürfen, u. hierauf dürften wir denn doch vergeblich harren. Freilich, wer Wind säet, sagt das Sprüchwort, erndtet Sturm. Es scheinen demnach so manche Zeichen des Sturmes schon da zu sein; vielleicht wird man durch noch verhüllte Ereignisse, durch größere, noch unübersehbare Umwälzungen wirklich gezwungen, endlich zu politischen Grundsätzen zurückzukehren, die nach meiner unmaaßgeblichen Ueberzeugung gerecht u. nicht „Wind“ sind? Weßhalb auch sollten staatliche Verhältnisse, wie sie jetzt widerrechtlich gegründet werden, von endloser Dauer sein? Ist es doch etwas Gräßliches, für ein angestammtes, dem Volk entwachsenes Regentenhaus – 1000jährig wie die Eichen unserer Wälder, losgerißen zu werden aus dem Boden dem es entwachsen ist, herausgebohrt zu werden aus dem Rumpf, der es getragen hat. Eine solche Enthauptung (von Bruderhand!) eines naturwüchsigen Volksstamms wurde wenigstens früher von diesem, wie die Geschichte lehrt, als gewaltsamer Tod empfunden. Hessen, so unversehrt, kernig u. unvermischt, wie es in der Hauptsache noch ist, sieht sich um die kostbare Eigenschaft der Treue zu seinen eigenen Herren, deren Schuld allerdings die schwerste ist, unersetzlich betrogen. Ich weiß, wie überspannt diese meine im letzten Grund doch richtige Anschauung der modernen Denkart erscheinen muß; aber ich liebte dieses Land dem wir alle Kraft zu widmen bereit waren, meiner Söhne schönes Erbe! und nun, mitten ins Herz getroffen, stehen wir zwischen dem Nein u. Ja, zwischen Verheißungen u. Unmöglichkeiten u. wünschten, Gott riefe ein donnerndes Halt. Indeß, solch ein Morgenroth wird uns wiegesagt schwerlich aufgehen; die Erklärung so schauerlicher Zeit kommt uns wohl erst im künftigen Leben, und was jetzt geschieht, zählt zu den Warum die über den Sternen gelöst werden; aber es ist wahr, Trübsal ohne Gleichen bildet die Sproßen zur Leiter die uns dahinanführt bis wir droben in Gottes Schooß anlangen, u. Freude, Freiheit u. Friede den Demüthigen wird; so oft ich über die Trias himmelheller Klänge nachdenke, gelingt mirs einzusehen, Alles ist Uebergang. – Sie machen sich kaum einen Begriff, welche spitzigen Kränkungen u. Prüfungen uns auferlegt worden, wie es in verzwickter Lage zumal schwer ist, sich dem Walten einer höheren Planmäßigkeit des Allmächtigen starkmüthig u. sanftmüthig unterzuordnen. Doch wozu das Alles sagen, hin ist hin – das Schicksal hat es ja erlaubt!
Die Gegenwart ist doch nur ein winzig armer Ausschnitt des unendlichen Zeitkreises, im Meer der Ewigkeit ein Nichts. Für uns schwache Menschen allein ist das ein langes, banges, blutheißes Jahr! Ich gebiete mir Schweigen; Millionen Anderen geht es doch schlechter als uns, und – wie Sie so sehr richtig bemerken, mir bleiben ja die süssen Kinder, und diese werden ja meine lieben nächsten Angehörigen wohl nicht annexiren? Der Prz. u. Frl. Steuber grüßen Sie sehr, u. ich bitte desgleichen für Ihre Töchter u. Brahms; sein deutsches Requiem kennte ich gern. Mit warmer Sehnsucht, Wünschen u. Gedanken Ihre recht traurige
Anna v Hessen

Wenn Alles zum zweiten Mal an uns heranträte, so würden wir akurat ebenso handeln wie wirs gethan, u. dies ist der uns aufrecht haltende Trost guten Gewißens.
Nichtwahr, ich darf hoffen, daß mein Geschreibsel nicht von Anderen gelesen u. am liebsten der Vernichtung preisgegeben wird?

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Rumpenheim
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 71ff.
 



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