15.07.2019

Briefe



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ID: 17779 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 10.02.1865
 

Baden Baden 10 Febr 65
Liebe Frau Schumann!
Wiewohl wir ja hoffen können, daß es mit Ihrer armen Hand beßer geht u. so Gott will bald ganz gut ist, so hat Ihr böser Unfall mir doch zu leid gethan, als daß ich nicht erhöhte Sehnsucht nach Ihnen hätte und auch danach, Ihnen wieder einmal con amore schreiben zu können, Ihnen sagen, wie ich an Sie denke! Heute blüht mir ausnahmsweise ein brieffreier Vormittag, und diesen laß ich wahrlich nicht unbenutzt vorübergehn! – Wir waren wirklich außer uns, als wir die Nachricht vernahmen, Ihr Handgelenk sei verstaucht u. fürs Erste keine Möglichkeit zum Spielen vorhanden! Elise war ganz in Thränen! sie selbst hatte |2| ja fast das Nämliche unlängst erlitten, und fühlte daher doppelt mit; nur war es doch bei ihr weniger arg, da sie schon nach 14 Tagen spielte, und jetzt längst jede Spur verschwunden ist. – Ich finde sie ist jetzt gewöhnlich recht heiter, was mich so sehr freut, denn da sie öfters so gar still ist, machte sie mir geheime Sorge als fühle sie sich am Ende nicht ganz so wohl wie ich es so innig wünschte bei uns; daher, wenn sie mehr von sich giebt, u. aufthaut, ich bedeutend froh bin; doch dies ist nur meine Privatmittheilung an Sie, im Vertrauen und bitte ich keinen Gebrauch davon zu machen. Ich musicire viel mit ihr, und dies ist mein größter Spaß, wir sind recht fleißig
u. nehmen viel Neues aus Ihren Noten vor, auch baten wir Brahms uns Einiges zu empfehlen, worauf er Schubert-|3|’sche und eigene Walzer schickte, letztere sind theilweis reizend, eben componirt;
doch kein Ersatz für meine Sonate welche ins Meer der Vergeßenheit gestürzt scheint was mich so betrübt. Bitte thun Sie doch, was Sie können, dagegen. Neulich war Elise auf dem Künstler Maskenfest in Carlsruhe u. hat sich vortrefflich unterhalten, ich war auch überzeugt, nicht gegen Ihren Wunsch zu handeln, wenn ich sie hinzugehn nach Kräften ermuthigte, wußte ich sie doch in guten Händen; sonst hätte ichs nimmer gethan. Morgen findet Wiederholung der Maskerade statt u. wir suchen Elise zu überreden, der Einladung dazu wieder zu folgen; allein sie will absolut bis jetzt nicht; es thut mir gar zu leid, denn Nichts wäre leichter als das, und |4| ich möchte ihr ja die Hand zu Allem u. Jedem bieten, da ich sie so in mein Herz schloß. Die bewußten Eisen Bäder habe ich ihr gleich Anfangs proponirt, und förmlich octroirt, als für ihre Gesundheit gewiß sehr zuträglich; doch sie war nicht dazu zu bewegen zumal da auch der Arzt sie als nutzlos für sie betrachtete – begreiflicher Weise konnte ich sie nicht zwingen, mußte also, ungern genug, – die Bäder fallen laßen. Was die Französische Sprache anbelangt, so hat sie hierin reichlich Gelegenheit, sich zu üben; unsere Kinder u. deren Bonne sprechen immer französisch, und wir mit ihnen, auch machte Elise einige Rußische Bekanntschaften hier in der Stadt, giebt sogar Musik Unterricht bei einer jungen Gräfin |5| Alssoufieff, welche Elisen einen sehr angenehmen Eindruck zu machen scheint, und lernte auch bei mir eine andere junge ruß. Dame (gleichfalls mit unaussprechlichem Namen) kennen, die ganz besonders liebenswürdig ist, u. Elise u. mich ganz gewonnen hat; das junge Mädchen hat so etwas Wahres, Anziehendes, Natürliches: ist von so viel Eifer u. Liebe beseelt für die Musik, auch zumal für die Ihres Mannes, und für alles Schöne, daß wir sie öfters ins Haus bitten um ihren guten Geschmack u. Sinn an der Musik zu fördern u. gegenseitig alle 3 viel Freude an dem Umgang haben. Sie gehört einer zwar adeligen, doch ziemlich unbemittelten Familie an, die den Winter zurückgezogen hier zubringt, wegen einer lungenkranken Schwester. – |6| So verstreichen die Tage, für mich all zu schnell. Frl. Lange, an der Spitze ihres Dilletanten-Vereins, gab letzt ihr erstes öffentliches Conzert dieser saison; worin Chöre v. Gluck u. Beethoven 2 Schubertsche Lieder etc. vorgetragen wurden, u. auch die Schülerin der Viardot Frl. Pöllnitz sang; das Programm war ganz ehrenvoll, u. die Ausführung wirklich auch, – für Dilletanten; da muß man ja weit geringeren Maaßstab anlegen! Aber vor 14 Tagen, da gab es einen Genuß!! Manfred v. A. bis Z! Wir fuhren nach Carlsruhe es zu erleben, es war wirklich eine Begebenheit, u. zwar eine ganz herrliche. Lewi hat gewiß große Genugthuung von seiner Mühe; – Alle thaten ihr Beßtes – nein, diese Wonne ist garnicht zu beschreiben. So Etwas vergißt man |7| in Jahren nicht, man war wie gebannt – es ist so schwer sich nachher wieder zurecht finden in’s Alltägliche. Unaufhörlich höre ich das Melodram: Erscheinung eines Zauberbildes, u. die Rufung der Alpenfee! – –
Auch meine cousine Louise u. Maroussi waren völlig entzückt, u. ich nicht wenig stolz darauf! – Der dumme R. Pohl hatte sich aber unterstanden, einige unpaßende Änderungen am Text zu machen, zum „Verständniß des Publikums!“ –
Elise u. ich hatten neulich viel Scherz im Lange’schen Conzerte, die Viardot saß mit der Frl. Röder und Frl. v. Görger neben uns, u. beide junge Damen hatten sich ihre Gesichter bemalt, die Görger nur schwarz um die Augen, aber die Röder prangte |8| in so grellen Farben weiß u. roth, mit den feinsten schwarzen Augenbrauen, Korallenlippen, blendender Stirn, daß wir uns beinah geschüttelt haben vor Lachen; es thut gar zu gut, ’mal so herzlich auszulachen! Es war garnicht zu erzählen. Ach, wären Sie doch hier! Das wäre erst schön. –
Grüßen Sie Marie u. Frl. Leser u. schonen Sie Ihre liebe arme Hand. Von Herzen Beßerung wünschend die
Ihrige stets,
Anna.
Der Prinz u. Frl. Steuber lassen grüssen! Alffermann scheint sich noch immer nicht zu beruhigen. Er grüßt Einen garnicht mehr. Ich suche mich zu trösten so gut ich kann.
Klärchen Schumann!
Ein Engel, der den Namen ersann!

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 54-56
 



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