15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 17780 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 29.08.1868
 

Panker, Holstein 29 Aug. 68
Theure Frau Schumann!
Endlich will es mir denn glücken, meinen Wunsch u. zugleich die liebe Pflicht zu erfüllen Ihnen von ganzem Herzen Dank zu sagen für Ihren gar zu lieben Brief, nebst dem warmen Antheil an unserem Glücke. Wieder lange habe ich getrödelt, weßhalb ich, mehr denn je auf Ihre bewährte Nachsicht zu hoffen haben. Bitte entziehen Sie sie mir nicht, u. glauben Sie, daß ich Ihnen immer nah war trotz Zeit u. Raum! Frl. von Sternberg berichtete einmal aus St. Maurice von Ihrem Dortsein, woran wir Alle die Hoffnung Ihrer recht gründlichen Kräftigung u. Erholung knüpften, da ja auch die wohl sehr ersprießliche Carlsbader Kur noch vorausgegangen, Gott gebe mit beßtem Erfolg! – Nunmehr kehrten Sie vielleicht schon in Ihr Häuschen zurück, dessen Erinnerungen um so mehr Sehnsucht in mir erwecken, als ich vorerst keine Aussicht habe dieselben persönlich aufzufrischen. Die Nachrichten über Ihr Ergehen interessirten mich ungemein, – so auch die rühmende Erwähnung des wunderschönen Brahms’schen deutschen requiems, das mir leider noch unbekannt. Von Ihren bedeutenden Englischen Erfolgen hatte man bereits weit u. breit gehört, jammerschade nur, daß grade der Königin Conzert mit Ihrer Abreise karambolirte, welche sich nicht verschieben ließ. An solchen Querstrichen pflegt es in keinen Verhältnissen zu fehlen; ein Glück, wenn sie nicht schlimmerer Art sind! – Aber Ihre Julie! welche Sorge mußte sie Ihnen von Neuem machen, wie in anderer Art auch Ihr ältester Sohn! Kaum wagt man [noch] zu hoffen, daß Julie dauernd genese wiewohl sie Gottlob noch jung ist; doch Was gäbe man darum, Ihnen allen Kummer fern zu halten! – Hier, Gott sei Dank, ist seither Alles recht gut u. erfreulich verlaufen, Sie wißen wie das Aufblühen der Kinder mein eigentliches Leben ist; die Geburt des unversehrten, helläugigen Knaben war ein Glück ohne Gleichen. Grade am 1sten Mai Abends ward es mir geschenkt: 3 Jahre zuvor war dies der traurige Operationstag gewesen. Im Grunde habe ich nur eine Stunde gelitten, freilich war diese einzige Stunde ununterbrochen arg. Da liegt es nun rosig in seiner Wiege dies junge Leben, in derselben Wiege, auf die vormals mit Thränen geblickt ist. Wie schön wurde doch der Antritt unseres neuen Besitzes durch diese Gnadenthat Gottes eingeweiht! Welche Aufforderung in Werken der Liebe, wo sich die Gelegenheit zeigt Ihm den gebührenden Dank zu opfern! – Die irdische Welt blickt den kl. Neugeborenen in seinen ersten Tagen so freundlich an, möge ihm auch die obere Welt der er durch die Geburt aus Wasser u. Geist zugehört, allzeit ihren Lichtglanz ihre Farbenherrlichkeit zeigen, u. ihm bis zum Ende die Paradieses-Pforten offen stehen! – Er heißt Friedrich Carl u. meine Eltern kamen zur Taufe her. Seine Amme ist eine nette Holsteiner Bauersfrau, u. er wird jetzt 4 Monate alt, sitzt aufrecht, u. ist niedlich in seinem Lächeln u. Lallen, den Geschwistern ein Spielzeug. – Seit seinem Eintritt ins Dasein – das fühlen Sie mir gewiß nach – konnte meine sorgende Liebe für mein Schmerzenskind keinesweg geschmälert, sondern im Gegentheil nur in umfassenderer Weise erhöht werden: alle Kleinen stehen doch dem Mutterherzen gleich nah, man fühlt die Liebe für die Einen durch die Dankbarkeit für die Anderen eben nur gesteigert! – Der „Wonnemond“ Mai, wie die Poeten ihn träumen, trug dies Jahr seinen Namen mit Recht, u. zu meiner schnellen Wiederherstellung bei. Die zur Großartigkeit entfaltete nordische Vegetation prangte in Frische u. Fülle, der Baumwuchs frappirt stets den Fremden, bis leider versengende Trockenheit auch hier eintrat, u. man Stoiker per excellence sein mußte, um nicht ein „Wehe“ auszurufen über die Gluth der Tage, u. ein „Heil demjenigen“ der vor des Himmels Feuerball in kühlen Waldschatten entfloh. – Ich wollte, Ihre Sommerreisen führten Sie doch einmal hierher! die schönen, grünen Buchen würden Sie anlachen u. Sie würden das Meer begrüßen, das uns östlich umschließt u. sich in blaue Fernen ausbreitet, oft Fehmarn, Schleßwigs Küste u. die dänischen Inseln spiegelnd, zwar ohne Färbung u. Gondeln des Südens, doch immer groß, immer wechselnd, voll schwellender Segel. – Uebrigens bekommen wir durch die Dürre frühzeitigen Herbst, aber kaum den bunten, farbenreichen, vielmehr einen Herbst aus Entkräftung. – Sie begreifen, wie ich doch der wiedererlangten Häuslichkeit froh bin! Außer dem benachbarten Adel empfangen wir noch andere Besuche, (so nächstens den des Königs,) die allerdings in unseren [sic] uralten, engen, keineswegs schloßartigen Wohnhause überaus vorlieb nehmen müssen. Die liebe Musik mußte recht viel ruhen u. meine Hände erlahmten förmlich, wegen Wärme, nöthiger Schonung des Rückens u. s. w., allein den bewußten herrlichen Flügel habe ich nun vor Augen u. zwar in wohlerhaltenem Zustande, auf dem ich zuweilen mir Ihres Mannes Lieder spiele u. immer noch schönere kennen lerne. Kürzlich kam mir Beethovens große d dur Messe wieder zu Händen! Schon öfters dachte ich, Sie müßten einmal Brahms vorschlagen u. anspornen, dieselbe für 2 Flügel zu übertragen, als würdiges Gegenstück zu Lißts Bearbeitung der 9ten. Ein so großes Werk könnte nur einem großen Künstler wie Brahms gelingen. Schade, daß ihm Bestellung nicht wohl zugemuthet werden kann, sonst könnte man geneigt werden Druck Kosten etc. zu übernehmen. Da von der missa solemnis blos ein völlig ungenügender ja schlechter 4händiger Cl. Auszug bisher vorhanden ist, so fände eine derartige, wenngleich mühevolle Arbeit, durch das der Kunst- u. Nachwelt zu stellende sonderlich kostbare Vermächtniß überreichen Lohn. –
Nun aber liebe theure Schumann für dies Mal herzlich Lebewohl! Mein Mann u. Frl. v. Steuber, diese kürzlich von der Aachener Kur zurückgekehrt, beauftragen mich mit ihren Grüssen, u. indem ich Sie Ihren Töchtern ein Gleiches auszurichten bitte, bin ich unverändert
die Ihrige
Anna von Hessen.

Zum Novbr. denken wir wieder nach Frkfrt zu kommen. Ach, könnte ich Sie doch sehen!

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Panker (Holstein)
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 74-77
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.