15.07.2019

Briefe



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ID: 17783 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 08.06.1875
 

Panker, Lütjenburg, Holstein 8 Juni 1875
Liebe, liebe Frau Schumann!
Seit unendlich langer Zeit hatte ich nicht mehr das Glück, von Ihnen zu hören, – wenigstens nicht direkt brieflich – und klage mich meiner großen Schreibfaulheit an; aber die Herzenswünsche u. Gedanken sind unverändert u. oft bei Ihnen, sie bleiben für Ihr Wohl u. Weh immerdar dieselben, wie ja nicht anders möglich. Jetzt frage ich mich, ob es begründet ist, daß Sie nächstens bei Anlaß des Holsteiner Musikfestes das a moll Conzert spielen? Vielmals trug ich Verlangen, in diesem langen Zeitraum, wieder unmittelbar d. h. mündlich mit Ihnen zu verkehren, aber es sollte ja leider niemals der Fall sein. Und nun will das Verhängniß, (zu deutsch „Pech“) daß ich nicht ’mal dem Kieler Musikfeste beiwohnen kann; meines Vaters Geburtstag wird nämlich am 29 Juni zu Wiesbaden gefeiert, u. ich muß dazu hin, so zwar, daß meine Abreise v. hier, nothgedrungen, grade in die vorhergehenden Tage fällt. Ach! es ist mir solch ein Kummer, Sie, falls Sie nach Kiel kommen, weder zu sprechen noch zu hören, daß es mir Thränen kostet; garnicht vermag ich mich in das Unabänderliche zu finden, u. weiß doch nirgends einen Ausweg. – Aus den „signalen“ u. anderweitig hatte ich vernommen, jenes Fest sei für den 3 u. 4 Juli anberaumt, u. hiernach meine Pläne festgestellt. Mein Elternpaar lud mich zu Ende Juni ein, u. ich willigte gern u. bestimmt zu kommen ein; nicht ahnend, daß nun Alles anders werden, u. das Musikfest grade, unglücklicherweise, in die Tage meiner unwiderruflichen, für mich jetzt ganz traurigen u. schmerzlichen Abwesenheit, verlegt werden sollte!! – Zu verändern, wie gesagt, ist jetzt nichts mehr; ein „Musikfest“ wäre für meine Eltern gar kein stichhaltiger, wohl aber ein unfaßbarer Grund meines Ausbleibens, welches sie sehr kränken würde. – So steht denn der Mensch wieder, – wie so oft im Leben, – zwischen Wünschen u. Unmöglichkeiten; ich bekenne, daß es mir wahrhaft nahe geht; denn ich fing schon an, zu hoffen u. mich zu freuen, wieder in Ihre lieben Augen zu sehen; u. schön u. herzerfrischend wäre ein Aussprechen gewesen! Ich hörte, Sie seien lange krank gewesen an Rheumatismus in Armen u. Händen, gewiß, für Sie, die allerschwerste Prüfung. Gottlob u. Dank aber, scheint nun die letzte Spur der qualvollen Leiden überstanden, wenn jene Aussicht Ihres persönlichen Mitwirkens im Conzerte, sich bestätigt? – Wüßte ich doch wie lange jenes schreckliche rheumat. Leiden gedauert, wodurch es entstanden, u. welchen Mitteln Sie endlich Ihre Herstellung verdanken! Es hieß, Sie hätten eine Kur in Kiel mit gutem Erfolge gebraucht; wie herrlich ist das, wie innig beglückwünsche ich Sie dazu wenn Sie Ihre kostbare Gesundheit, dies größte Gut, wiedererlangt haben; Gott erhalte es Ihnen zeitlebens! – Ich war traurig, in Baden, an Ihrem Lichtenthaler Häuschen angeschrieben zu lesen: „vermiethen oder verkaufen;“ das deutete ja auf neue Pläne, u. Aufgeben Ihres allerliebsten Daheims, woran für mich unvergeßliche Erinnerungen sich knüpfen, so daß mir wehmüthig ums Herz dabei wurde. Und warum? – Haben Sie vor, sich etwa in Berl. bleibend niederzulaßen? – Von Ihrer lieben Elise bekam ich einen interessanten, amerikanischen Brief, der im Hause ordentliches Aufsehen erregte; Stempel, Marken, Alles wurde angestaunt. – Ja, Wer so weit „über Land u. Meer“ gereist ist, der vermag wohl inhaltsreich zu schreiben! Mit Zittern u. Beben las ich die Schreckenskunde vom Untergang des Schiller, im steten Gedanken an Elise. Aber Ihre überseeische Tochter ist nun – hoffentlich – in sichern Hafen zurückgekehrt, u. befindet sich beßtens aufgehoben bei den ihrigen; beabsichtigten doch die zwei unzertrennlichen Freundinnen, im Mai heimwärts zureisen. Möchten Sie nur immer Freude u. Trost an all’ Ihren Kindern haben, liebste Frau Schumann! Marie, die ich vielmals zu grüßen bitte, u. Eugenie, welche wohl blühend herangewachsen, hegen und pflegen gewiß ihre liebe Mama? Schon im Herbste deutete Elise mir an, daß einer Ihrer Söhne so glücklich verheirathet sei; ich will nur wünschen, daß all’ Ihre Familienereigniße immer so recht zu Ihrer inneren u. äußern Befriedigung ausfallen, Ihnen so ganz zur Genugthuung gereichten. – Waren Sie mit Elises Amerikareise eigentlich einverstanden? – Wie mag es Ihren verwaisten, italienischen Enkelchen wohl ergehen? – im Stillen denke ich so oft – unbekannter Weise – dieser süßen kleinen Verlaßenen u. einer holden, zu früh Entschlafenen, die ihnen das Leben gab. Verzeihen Sie die mancherlei Fragen; aber die Sorgen Ihres Mutterherzens bewegen u. beschäftigen mich. Freilich, von meiner Wenigkeit gilt das Wort „Schweigen beredter als Reden!“ u. Zeiten giebt es, in denen man garnicht recht schreiben kann! Dennoch bietet ja die Trennung nichts, als briefliches Gespräch; u. die Sehnsucht nach gegenseitigem Austausche bricht doch immer wieder hervor! – In allen diesen Jahren ist mir aufs Neue die Erfahrung zu Theil geworden, daß der äußere Besitz nicht glücklich macht, sondern allein das Gedeihen der theuren Kinder, u. die hehre u. herrliche Kunst. Diese, in ihrer ewigen Frische u. Wärme, ist doch das Höchste; u. Alles das was ich liebe – Alles das was ich lebe! – Elise theilte mir mit, Sie hätten Ihres Mannes Lieder als „Lieder ohne Worte“ für Clavier allein gesetzt: sind diese eigentlich schon erschienen? – Seit einem Jahre haben wir im Hause, zunächst als Musiklehrer meiner Kinder einen hochbegabten, ja genialen jungen Künstler, der nicht blos virtuos, sondern wahrhaft schön u. musikalisch sowohl Clavier als Violine spielt; er ist ein Däne, Namens Rübner, ein Schüler Gades, der ihn empfahl. Da giebts dann recht viel Anregung; u. Frau Musika, (die auf dem Lande sonst leicht etwas entschlummert,) ist in ihre Rechte wieder eingesetzt. Hr. Rübner ist noch blutjung, aber strebsam u. anspruchlos u. wir verdanken ihm recht vielen Genuß; meine Kleinen hängen an ihm, u. zumal das Schmerzenskind, Alexander, macht jetzt recht hübsche Fortschritte auf Clavier u. Geige; der 12jährige Junge ist so entschieden musikalisch, daß er z. B. alle Tonarten, in den schnellsten Uebergängen, nach dem Gehöre nennt; trotzdem ist er noch immer nicht so weit, als er sein könnte, denn bei aller Lust am Musiziren ist er im Ueben träge, auch in vieler Hinsicht durch sein schwaches Augenlicht gehemmt. Denn Mancherlei erlernt man am leichtesten durch Sehen, u. das kann er nur spärlich! – Jedenfalls schicke ich den Knaben auf das Musikfest, wie auch meine 14jährige Elisabeth, und dann dürfen die Kinder Ihnen meine Herzensgrüße bringen u. Sie besuchen, nichtwahr? u. ich darf sie Ihnen recht empfehlen, wie auch den Herrn Rübner. – Und Joachim! Ihn, den Großen, soll ich also auch nicht sehen! Das ist wirklich ein Dilemma, u. jammervolles Zusammentreffen. – Meine Tochter Elisabeth werden Sie gewachsen finden; sie war über 2 Monate krank an dyphteritis und danach Keuchhusten, erholt sich erst jetzt unter dem Buchenschatten, am Meer. – Mein ältester Sohn Willy ist fleißiger Student in Bonn, wird zum Herbst Militär; – die beiden Jüngsten sind herzige Kinder u. entwickeln sich zu unserer Freude. – Wir brachten diesen Winter wieder theils in Baden, theils aber auch in Nizza zu, wo ich ganz überraschende Musikfreuden genoßen habe. Ein dort ansässiger reicher Ruße, Baron Derwies, besitzt ein Privatorchester, u. einen eigens dazu erbauten Conzertsaal; wie man Schöneres nicht träumen kann. Auf den Einfall, sich eine Privatkapelle zu halten, ist gegenwärtig wohl niemand Anders gekommen, als dieser Musikfreund! – Und wie viele Leute, Rothschilds z. B., u. andere Milliardäre könnten sich mit Leichtigkeit dergleichen verschaffen! – Besagtes Orchester zählt über 50 Mann, (9 erste, 7 zweite Geigen, 4–5 Bäße; u. s. f) und ist aus auserlesenen Elementen zusammengesetzt, sowie aus vorzüglichen Instrumenten. Treffliche Solisten befinden sich darunter; erster Geiger ist ein junger Belgier, Thomsen, der reizend spielt; – Oudshoorn, 1ster Cellist; – der 1ste Flötist ist vom Pariser Conservatorium preisgekrönt, etc, etc. Das Zusammenspiel, unter dem Capellmeister Müller-Berghaus (vom früher Müller’schen Quartett) ist ebenso fein als schwungvoll. Natürlich sind die Herren ungemein hoch gagirt u. gut gestellt, auch niemals überanstrengt u. abgehetzt, wie andere, arme Orchestermitglieder an Hof- u. Stadttheatern. – Sie sind eben nur zur Freude ihres Gebieters u. zu den wundervollen Ausführungen der Meisterwerke da, und immer frisch zur Hand. Dies Orchester besteht erst seit 3 Jahren. Als ich in Nizza zuerst davon hörte, hielt ich es für Humbug, war aber beim eigenen Hören u. Sehen gar bald erstaunt u. entzückt. Auch Ihres Mannes sinfonien, ouvertüren, u. alles Schöne, neu u. alt, wurde mir durch Güte des Capellmeisters zu Gehör gebracht. Zweimal wöchentlich wird vom Besitzer der Zutritt in dessen Conzertsaal gestattet, aber auch dann nur Bekannten u. „Auserwählten;“ denken Sie sich eine Villa am Mittelmeer, umrauscht von Palmen u. Orangen; einen Conzertsaal, echt künstlerisch ausgestattet, voller Wohlklang und Harmonie; das ist ohne Uebertreibung wohl idealisch zu nennen, beinah zu viel für ein Menschenherz. Man fühlt sich ganz in eine Feenwelt versetzt, u. ich hatte den Landgrafen inständigst gebeten, Ähnliches zu gründen, erfuhr aber entschieden Weigerung; mein guter Mann giebt Gestüt u. Jagd den Vorzug! Das ist sehr schade. Für ihn wäre es in jeder Beziehung ein Leichtes, ein Orchester zu halten, ja, er würde es kaum bemerken, u. meinem Leben hätte es einen Zauber u. eine andere Weihe gegeben. So purzelt der Mensch aus Tausend u. einer Nacht in die Wirklichkeit, die Sie auch kennen, u. leider noch gründlicher als ich, – mit ihrem Druck, ihrer ganzen Schwere. – Aber ich bin am dritten Bogen, u. halte Sie vielleicht auf; dies möchte ich nun nicht, wohl aber Sie immer wieder meiner Anhänglichkeit u. Treue versichern, womit ich verbleibe stets u. dankbar die Ihrige
Anna

Gestern habe ich Ihres Mannes a moll sonate mit Violine zu spielen versucht; Hr. Rübner hat eine schwärmerische Liebe für Schumanns Werke; leider übersteigt der 1ste Satz fast meine physischen Mittel, er ermüdet so das rechte Handgelenk; ist aber der Erde enthebend!

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Panker (Holstein)
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 89-94
 



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