15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 17784 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 31.07.1875
 

Panker, 31 Juli 1875
Liebe, liebe Frau Schumann,
Grade dieser Tage wollte ich Ihnen ein Lebens- u. Liebeszeichen senden, u. zugleich die photografische Skizze des Monumentes Ihnen dankend zurückerstatten, da kam gestern Ihr lieber Brief, den ich mit wahrer Freude empfing u. durchlas: tausend herzlichen Dank dafür! Also die hohe Bergluft wirkt auf Sie erquickend, u. auch Ihr Arm ist beßer, – das ist die froheste Kunde, die Ihre Zeilen enthalten konnten! Möge aber nun auch jede Gemüthsunruhe u. Aufregung Ihnen erspart, u. das Zusammensein mit Ihrem Sohne in dieser Zeit ungetrübt sein u. bleiben; damit die Gegenwart gute Früchte für Sie trage, u. Sie sich später derselben als reingenoßener Annehmlichkeit stets gern erinnern! Daß Ihre drei lieben Töchter nun um Sie vereinigt sind, denke ich mir wunderhübsch, in jeder Hinsicht, u. was gäbe ich, um einen Blick zu werfen in Ihren kl. gemüthlichen Kreis, u. neben Ihnen zu träumen auf den traulichen Sitzplätzen in den Tannengehölze, inmitten der großartigen Gebirgsnatur. –
Ihre Töchter mag ich doch auch gar so gern, muß so oft u. viel ihrer gedenken; meine liebe Elise muß mein langes Stillschweigen freundlich entschuldigen, ich bitte sie herzl. darum u. werde es bald wieder gut machen. Daß Marie mein Bild in ihr [em] médaillon zu tragen wünscht, ist sehr, sehr lieb u. gut von ihr; leider habe ich nur jetzt gar keines vorräthig, später aber gewiß. Bitte, erinnern Sie mich dann nur daran! – Ich ließ jenes, etwas gezierte, Bildniß augenblicklich nämlich garnicht vervielfältigen! – Eugenie („u. die Kaiserin Eugenie, war besonders noch diejenige“,) diesmal eigentlich erst kennen gelernt zu haben, war mir noch besonders erfreulich; nur wünschte ich, Marie u. Elise auch in Panker bewirthen u. herum führen zu können! u. zwar, mit ihrer lieben Mama, recht bald! – Seit unserm letzten, reizenden Zusammensein, führen wir in so fern ein stilles Dasein, daß drei unserer Kinder, Elisabeth, Alek, u. Fischy, in Föhr weilen u. Nordseebäder brauchen. – Zwar haben wir laute Gäste genug, u. oft viel Lärm; aber das Haus scheint mir wie ausgestorben ohne die fröhlichen Kinderstimmen. Nur die kl. herzige Marka behielt ich zum Troste hier. – Glücklicherweise aber haben wir täglich die beßten Nachrichten aus Föhr, u. beabsichtigen wir übermorgen einen mehrtägigen Ausflug dorthin zu machen u. uns persönlich von der Jugend Wohlgehen zu überzeugen. – Auch Hr. Rübner begleitet uns, um seine Schüler wiederzusehen. Kürzlich hat er seine beiden Eltern aus Kopenhagen hier gehabt, u. sich wohl etwas ausgeruht, müßte aber noch viel folgsamer u. vernünftiger sein, schont seine zarte Gesundheit im Ganzen nicht genug, trotz meiner dringenden Vorsichtsermahnungen u. Bitten. – Sein liebenswürdiger Charakter u. seine hingebende Liebe zur Kunst flößen Einem wirklich warmes Interesse ein; man möchte ihn vor allen Dingen auch körperlich recht gekräftigt sehen, u. seiner weiteren künstlerischen Ausbildung jedes Hinderniß aus dem Wege räumen! – Vor 14 Tagen besuchten uns Esmarchs hier bei herrlichem Wetter; leider konnten sie nicht übernachten, blieben aber v. Morgens bis spät Abends, da sie die 5stündige Rückfahrt per Wagen auf schlechten Wegen nicht scheuten. – – Die Professorin-Prinzessin erzählte mir noch v. Ihnen, von Ihrem letzten schönen Vorspielen, u. Ihrem Lieder Geschenke, dankbar u. erfreut; sie macht den so angenehmen Eindruck einer sehr guten, u. glücklichen Frau; wohl begreife ich ihre, in unseren Kreisen so furchtbar verschrieene, freie Wahl! Er ist ja ein bedeutender u. ausgezeichneter Mann, u. hat mich recht für sich eingenommen! – Wir durften ihnen unsere wald- u. wildreiche Gegend zeigen, u. auf dem Hessenstein stehen im Buche ihre Namen nun dicht unter den Ihrigen (unter Eugeniens französischen Buchstaben) eingeschrieben. – Esmarch hielt für nöthig, hier noch einen kl. Schnitt in Rübners Hand zu thun, wonach sie beinah ganz geheilt ist. Mit wahrem Entzücken schwelgen wir noch Alle in Ihrem Hiersein, das leider wie ein Wonnetraum kam u. verging; ich ins Besondere rufe mir alle Einzelheiten zurück, u. da ist mir, als hätte ich noch Manches zu sagen u. zu fragen!
Was nun die photografische Skizze betrifft, so erlaube ich mir zunächst ganz offen daran auszusetzen, daß Ihr Mann nicht genug Hauptsache darauf ist; ferner ist mir die Sphinx ganz unverständlich; wogegen die Gestalt der Muse mit Ihren Zügen entschieden beibehalten werden müßte, auch die singenden u. geigenden Genien sind ganz allerliebst. – Ich wünschte aber, das Ganze würde von der freien Büste – oder, was am Schönsten wäre – von der großen, freistehenden statue des Gefeierten in
ganzer Figur gekrönt. Auf mich macht obige Skizze eher den Eindruck eines brunnenartigen Aufsatzes, etwa am Waldesrand stehend, mit Quelle u. bassin, von kühlen Sitzplätzen umgeben. Das ist aber nicht zweck entsprechend, nicht das Denkmal eines großen Mannes, der in unseren Herzen lebt, u. dessen Stand- u. Ebenbild dem deutschen Volke nun auch in Stein oder Erz dauernd vor Augen geführt werden soll. Auch der Gesanges-Schwan en relief, an sich ein schöner Gedanke, schwebt mir doch gar zu sehr in der Luft, u. trägt dabei auf den Flügeln wieder etwas Gemachtes, Menschliches, nämlich das médaillon. Sie sehen, ich bin aufrichtig genug; da haben Sie nun mein unmaaßgebliches Urtheil! Wie gern hörte die Ansichten von Künstlern u. Sachverständigen darüber; zeigten Sie schon die Skizze an Brahms u. Joachim, u. Anderen? Sammeln Sie doch recht viele Stimmen; der Gegenstand ist zu hochwichtig, zu interessant! –
Und nun mein inniges Lebewohl! beßten Gruß Ihren lieben Kindern. Hier wünschen u. erbitten Alle ein Plätzchen in Ihrer freundlichen Erinnerung. – Verzeihen Sie, wegen mehrfacher Störung, daß mein Brief erst heute, 2 August, expedirt wird.
Unwandelbar die Ihrige
Anna

Um den Besuch bei Brahms u. die Bekanntschaft seiner neuen Werke beneide ich Sie. Er wird mich ganz vergessen haben. –

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Panker (Holstein)
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 95-98
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.