15.07.2019

Briefe



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ID: 17785 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 04.11.1870
 

Florenz, hôtel Grande Bretagne 4 Novbr 70.
Meine liebe Frau Schumann!
Seit lange ist es mein herzlicher Wunsch, Ihnen einmal wieder zu schreiben u. mich nach Ihrem Wohlgehen zu erkundigen, denn trotz Ferne u. Stillschweigen folgen Ihnen meine Gedanken öfter, als Sie vielleicht glauben; allein in dieser Zeit allgemeiner Sorgen u. Aufregungen war mir die Ausführung dieses Planes bisher eine Unmöglichkeit! – Elise hat Ihnen unser merkwürdiges Mailänder Zusammentreffen wohl mitgetheilt, das uns Beide so erfreute; u. hoffe ich nur von Herzen, daß seitdem die erwartete Catastrophe bei Julchen glücklich ablief u. sie ein gesundes Kind im Arme hält, auch, daß Sie, beßte Fr. Schumann, von Ihrem im Felde stehenden Sohne gute Nachricht haben mögen, sowie daß es Ihrem armen Ältesten besser gehe! Leider hatten Sie manche Angst u. Sorge auszustehen, was mich wahrhaft betrübte! Unser theures Vaterland geht nun auch durch Prüfungen hindurch, u. mit Gottes Hülfe stärker u. mächtiger denn je daraus hervor, wenn erst dieser glorreiche aber gräßliche Krieg beendet sein wird! An den dargebrachten Dank für unsere unvergleichlich ruhmvollen Siege schließt sich die Bitte um baldige Gewährung eines ersehnten u. gesegneten Friedens, denn die herzzerreißenden Opfer des Krieges u. deßen weitere Folgen, kurz Alles stimmt zum Ernst u. zur Selbstprüfung mitten im Siege; auch muß der edlere Theil jener Nation aufrichtig beklagt werden, deren Bethörung aus Mangel an fester moralischer Grundlage hervorgeht, u. die, trotz aller Verluste, noch gegen die Wahrheit sich sträubt! – Die Hingebung u. Opferwilligkeit in Deutschland muß herrlich sein, u. jeder thut was er kann; aber wie viel ist auch nöthig, um dem unabsehbaren Elend u. der Noth nur annähernd abzuhelfen!! – Hoffentlich ertönt endlich das Friedenssignal! – Gottlob habe ich bis jetzt gute Nachricht von allen Lieben im Felde; mein Mann, mein Vater u. der größte Theil meiner Angehörigen stehen vor Paris, während mein Bruder eben hocherfreut schreibt, seine Aufgabe vor Metz vollendet zu sehen. Ich hoffe, er hebt noch verschiedene Nester aus u. giebt hauptsächlich Garibaldi eins tüchtig über die Ohren! – Wenn nur dabei kein Blut mehr flöße! der Jammer wird zu groß. – – Diese gewaltige Zeit so unvorbereitet und unversehends zu durchleben, erscheint Einem traumartig u. man ist davon wie betäubt. Während deßen blieb ich den Sommer über am klaren Comer See, zur Pflege meines Halses, welcher sich bei Wärme wohlbefindet u. mir bei Kälte Schmerzen verursacht. Kürzlich, für den Herbst, zog ich abermals gen Süden u. bleibe etwa bis zum Jahresschluß mit den Kindern im reichen Florenz, wohin mir mein Mann nach beendigtem Feldzuge, (u. event. Einzug in Paris u. Berlin,) hoffentlich auch später nachfolgt! – Möglicherweise gehen wir danach bis Neapel. Italien ist ja wunderbar schön, u. war u. bleibt meiner Sehnsucht Land, doch selbst hier giebt es viele trübe, rauhe Tage. Doch an Kunstschätzen u. Meisterwerken der Malerei u. Skulptur ist Florenz bekanntlich unerschöpflich; zudem sind viele Klöster, vormals unzugänglich, jetzt aufgehoben und liefern manch Interessantes ans Tageslicht, u. die mysteriösen Mönchszellen laßen sichs gefallen von uns, Publikum, profanirt zu werden. Die Regierung ist überhaupt um Verbeßerungen jeder Art bemüht. Ob sie aber so bald nach dem unfehlbaren Rom verlegt wird, ist zweifelhaft, da die angenehmen Jesuiten dort nach wie vor die erste Violine spielen. – Heute wird wieder fortwährend geläutet u. gebimmelt; irgend ein alter Heiliger feiert gewiß wieder sein 50jähriges Dienstjubiläum! Man lernt hier erst recht Gott danken, mit diesem Geplerr nichts zu thun zu haben! Gestern noch wohnten wir zufällig der Vesper im schönen Dom bei; eine Katze spazierte zwischen den Knieenden, u. die Priester am Altare schnupften Tabak; dazu spielte die Orgel Fingerübungen auf eigne Hand! – In der sacristei ging es vollends wie hinter den Coulissen her, wenn nicht noch bunter. – Die geliebte Musik fehlt mir unbeschreiblich, u. noch hab ich wenig Aussicht welche zu hören oder zu treiben, wo leider jede Anregung mir abgeht. – Ach wäre ich in Ihrer Nähe! Fast 2 Jahre fehlt Ihre liebe Gesellschaft mir, und kaum weiß ich, ob Sie noch in Ihrem reizenden Daheim zu finden, oder Ihre Kunstreisen bereits antraten? Frl. v. Steuber grüßt Sie herzlichst, ich desgl. Ihre Tochter Marie; u. indem ich Sie liebste Fr. Schumann bitte, Einliegendes an Elise zu übermitteln, eile ich jetzt, Ihnen mein Lebewohl’ am Schluße zuzurufen u. sehne mich nach der Beruhigung, etwas von Ihnen zu erfahren, als Ihre ferne, treue
Anna v Hessen

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Florenz
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 80-83
 



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