15.07.2019

Briefe



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ID: 17786 Brieftext


Geschrieben am: Montag 24.02.1879
 

Wiesbaden 24 Febr 9
In meinen stillen Gedanken habe ich Ihnen, liebste Frau Schumann, nun schon so oft geschrieben, obwohl Wunsch u. Absicht nie zur That wurden, (weil meine mannigfache, vielverzweigte Beanspruchung, die Forderungen eines jeden Tages, immer bedeutend sind): da erfahre ich den grenzenlosen Kummer, der Sie in voriger Woche betroffen, und Nichts hält mich mehr, wenigstens brieflich zu Ihnen zu eilen mit dem Herzen voll innigster Theilnahme, voll tiefempfundenem, warmen Beileids!! – – Wie schwer sind Sie aufs Neue geprüft u. heimgesucht durch Ihres Sohns zu frühes Hinscheiden – wenn der Tod auch als Befreiung u. Erlösung für den armen, jungen Kranken anzusehen war, – so bleibt dieser abermalige Verlust u. Trauerfall unter Ihren Lieben doch eine Wunde, ein unsagbarer Schmerz für Ihr ganzes, ferneres Leben! O, wie weh thut mir das in Ihrer Seele, und wie leidet man doppelt für seine Freunde denen kein Mitgefühl zu helfen im Stande ist, denen kein menschlicher Trost nützen kann! – Welche Sorgenzeit wird diesem Scheiden vorausgegangen sein, welche aufreibenden Stunden der Angst müssen Sie durchkämpft haben! War denn schon lange gar keine Hoffnung vorhanden? oder trat das Ende eher plötzlich ein? – hat Ihr armer Sohn noch viel gelitten? – So viele, viele Fragen über ihn, u. Sie, hätte ich noch auf dem Herzen! möchte vor Allem wissen, wie Ihre liebe Gesundheit all den Jammer überstand! Hoffentlich ist eine Ihrer Töchter so sehr, sehr freundlich, mir ein paar schriftliche Worte zu senden, da ich Sie, Liebste, kaum darum ersuchen darf. –
Durch die Baronin Willy Rothschild habe ich jene betrübende Kunde erfahren, und gleichzeitig die, Gottlob, erfreuliche Nachricht von Elise’s Mutterschaft mit wahrem Interesse vernommen, gewiß ein Lichtblick für Sie, in dunkeler Gegenwart? – Da wünsche ich denn nur aufrichtig, daß Ihr Amerikanisches Enkelchen aufblühen u. gedeihen möge, zum Glücke seiner Mutter u. Großmutter, u. betheilige mich lebhaft an dieser Familienfreude! – Auch Frau v. Wurmb erzählte mir noch, (heute Montag vor 8 Tagen,) von Ihnen, u. von Ihrem letzt gespielten Conzerte am vorhergegangenen Freitag im Museumssaal! – wie wunderschön es gewesen sein soll! trotzdem Sie wegen Ihres Sohns Kranksein beinah abgesagt hätten! Seitdem Sie das a moll Conzert Ende Mai zuletzt hier gespielt, habe ich Sie nicht mehr gesehen! u. Sie meinten doch, wahrscheinlich nach Holstein zu kommen, was sich aber leider wieder zerschlug? – Das beklagten wir so herzlich! und in Kiel hatte man so sehr auf Sie gehofft! – Möchte es, (Ihr Fortbleiben nämlich,) nur ein gutes Zeichen für Ihre Herstellung vom Rheumatismus gewesen sein!
Ich habe denn auch Freud’ und Leid in reichem Maaße im Verlaufe dieses letzten halben Jahrs erfahren: Freude an meinen Kindern, soweit ich mit Ihnen vereint bin, u. ihre Entwicklung erlebe, – Leid durch die bittere Trennung von meinem Sohne Alexander, welcher, auf eigenen, dringenden Wunsch, und aller Sachverständigen Rath, dem berühmten „Royal Normal College and academy of music for the Blind“ zu Upper Norwood bei London, von uns zu einem Erziehungs- u. Unterrichtskursus anvertraut wurde. – Er ist trefflich dort aufgehoben, heimisch, zufrieden, schreitet in jeder Hinsicht bis jetzt gut fort, und seine Englischen Verwandten nehmen sich auch liebevoll seiner an; aber dies Alles vermindert nicht die nagende Sehnsucht nach dem Knaben, um den die Existenz sich vorzugsweise bisher drehte! Vielleicht werden Sie sich meiner Freundin u. Hofdame, Frau v. Hilchenbach, von Panker her entsinnen; dieselbe ward ihrem Manne u. mir vor 4 Monaten durch einen jähen, urplötzlichen Tod entrissen – sie wurde, nachdem sie Abends vollkommen wohl zur Ruhe gegangen war, am nächsten Morgen am Herzschlage entseelt im Bette gefunden – ein nicht zu überwindender, unersetzlicher Schlag sowohl für ihren tiefgebeugten Mann, als auch für mich, deren älteste und treu bewährteste Jugendfreundin sie war. Ich war dermaaßen verwöhnt durch sie, daß ich mir nun ganz verarmt vorkomme u. mich nur mühsam in dem unerbittlichen Alltäglichen zurechtfinde – Sie kennen ja leider nur allzu sehr solche niederschmetternden Erschütterungen, von denen sich der Mensch doch nur äußerlich erholt! In der ersten Zeit that sogar die schöne Musik mir eher weh, als wohl, – unter A. Brahms’s Deutsches requiem, auch das Anhören seiner wunderbaren, 1sten sinfonie – doch kann man eben nicht lassen, nach der Kunst mit ihrer ewigen Frische u. Wärme zurückzugreifen! – Sobald mir nur irgend möglich, mache ich Ihnen in Frkfurt meinen kleinen Besuch, das erlauben Sie mir gewiß, nach vorhergehender Ansage? Denn danach verlangt Ihre von
Herzen getreue Anna.

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Wiesbaden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 100ff.
 



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