15.07.2019

Briefe



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ID: 17787 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 08.07.1879
 

Panker 8 Juli 79.
Meine liebe Frau Schumann,
In Ihrem lieben Juni Briefe hab’ ich wieder so recht deutlich Ihre Liebe und Güte für mich erkannt, und sende die Einlage, wiewohl Sie deren nicht mehr bedürfen, um der Ordnung willen Ihnen dennoch zurück, – von ganzem Herzen dankend, für den Schritt, den Sie (u. nun doch vergeblich!) um meinetwegen gethan. – Jammerschade bleibt es wirklich, daß Frl. Christa von Schenk sich nicht hat bewegen laßen wollen, jenem Rufe zu folgen, – meine letzte Hoffnung beruhte auf Ihrer freundschaftlichen Vermittlung – Christa Sch. hätte mir viel, viel sein können, u. durch ihre Ablehnung geht eine reiche Kraft gleichsam verloren, denn dort auf dem Lande hat sie wirklich garnichts zu thun u. ist rein vergeudet u. verschwendet; ihr reger Geist hätte ganz anderer Thätigkeit bedurft. Grade sie, – wie Sie mit richtigem Auge gleich ermessen hatten, – wäre die Rechte für mich gewesen. Aber es hat nicht sollen sein!
Demzufolge, und weil die Wahl einer Begleiterin auf die Länge doch eben dringend wünschenswerth wurde, bin ich nun mit einer Anderen kürzlich zum Abschluße gekommen, die bereits hier Dienst bei mir thut; meine neu ernannte, junge Hofdame, Gräfin Margarethe Bünau, ist aus Sachsen gebürtig, in Dresden geboren u. aufgewachsen, erst 26 Jahre alt u. mir noch recht fremd, aber ein wohlerzogenes, harmlos liebes Mädchen, im Auftreten bescheiden u. zugleich bestimmt, von der ich die beßte Meinung haben, u. hoffen darf, daß sie sich mit der Zeit bei uns einleben wird. Natürlich dauert es lange, lange, bis daß man einen „Scheffel Salz zusammen gegeßen“, u. sich aneinander angeschloßen hat, – und daß solch neuer Beginn u. Wechsel auch manch’ Schweres mit sich bringt, liegt auf der Hand; doch muß es ja durchgemacht werden. – Zum Glück ist meine treue Frl. v. Steuber augenblicklich hier anwesend, um die junge Collegin in Mancherlei einzuführen, u. ebenso wird Frl. Hauff ihr hierin von weittragendem Nutzen sein. –
Im Uebrigen erscheint Holstein, welches Sie nun bereits leider wieder verlaßen haben, – u. speziell Panker gegenwärtig etwas melankolisch, seit meiner Freundin Tod, u. meines Herzenssohnes Fernsein – Alek sollen wir nun den Trost u. die Freude haben in seinen Ferien nächstens zu umarmen, Anfang Augst. kommt er aus England auf 2 Monate hierher – aber das frische Grab der zu Frühabberufenen deckt Unwiederbringliches! – Nebenbei ist die Witterung nicht hold, sondern grauslich kalt u. stürmisch, ein grüner Winter! ich bekam wieder Halsweh u. sah mich genöthigt, einzuheizen, nachdem es in Berlin u. Rumpenheim so warm gewesen war. Da und dort, bei den Preuß. u. Hess. Verwandten, verlebten wir frohe Tage u. übersiedelten erst vorige Woche hierher. Die Goldene Feier verlief würdig u. prächtig und das Kaiserpaar überwand alle Fatiguen; Stadt u. Hof prangten im höchsten Festglanze u. die Erinnerung an den bedeutungsvollen Tag ist eine erhebende. – Gar zu schade ist es doch, daß wir Sie hier im Norden wieder nicht zu sehen bekamen, worüber ein Mißgeschick waltet u. sich leider fast jährlich wiederholt; – – – möge Ihnen die Kur nur recht wohlgethan, auch Ihre liebe Marie in Frankfrt sich vom Knieleiden völlig erholt haben! Vor einigen Wochen ließ ich durch Frl. Hauff Ihrer Eugenie schreiben nach Frkfurt, u. um Nachricht von Marie’s Befinden bitten; hoffentlich hat Eugenie den Brief erhalten, u. wird, wills Gott, „keine Antwort gute Kunde!“ bedeuten! – An unsern letzten, entzückend gemüthlichen u. genußreichen Abend in Ihrem lieben Hause u. Kreise denken wir mit Wonne u. Dankbarkeit immer u. immer wieder zurück, u. vergegenwärtigen uns alles Gesagte, Empfangene u. Gehörte aus jenen nur zu flüchtigen Stunden; ach! welche Erfrischung auf lange Zeit! – – Das wißen Sie wohl selber kaum! – Bald, denke ich mir, wandern Sie in die schönen Schweizerberge u. athmen freie Luft; – wir verbleiben noch einige Monate hier am Ostseestrande u. harren eines nachträglichen Sommers. Meine Elisabeth sendet Ihnen tausend warme Grüße, sowie ich Ihren lieben Töchtern; die Damen inclusive Frl. v. Steuber möchten Ihnen herzlich genannt sein. Mit innigem Gruß u. Kuß, Ihre getreue u.
dankbare
Anna.

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Panker (Holstein)
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, 104-107
 



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