15.07.2019

Briefe



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ID: 17794 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 03.02.1884
 

Philipsruh 3 Febr 84 Sonntag.
Theure Frau Schumann,
Von ganzem Herzen danke ich Ihnen für Ihre wohlthuende, liebenswürdige Mitfreude und Theilnahme an unserm Familienglück, dem ersten Sonnenblicke auf unser Haus, nach langem, langem Dunkel! – Täglich habe ich Ihnen dies schreiben wollen und konnte es nicht! Der Verlobungstrouble war ein außerordentlicher, meine Zeit übermäßig besetzt u. zersplittert – kaum kam ich zu mir selber, – geschweige zur Tilgung meiner angehäuften Briefschulden! –
Die Braut durfte Sie inzwischen ja besuchen, u. unsern innigsten Dank, liebe, theure Frau Schumann, persönlich Ihnen aussprechen. – Es ist Alles so frohbewegt, so lieblich um unser Brautpaar herum! – Unser zukünftiger Schwiegersohn ist der biederste, tiefgemüthvollste Mensch, hat einen goldenen Charakter; ganz köstliche Eltern u. Geschwister, erbt das schönste Deutsche Herzogthum; entführt Elisabeth weder über’s Meer, noch in’s Land der Bomben u. Nihilisten – – (was ich sehr gefürchtet hatte) – sondern bietet ihr das glücklichstsituirte (auch für uns mal erreichbare) Heim. – – O, wie dankvoll preise ich diese Fügung: in zuverläßigere Hände konnten wir unseres Kindes Wohl nicht legen. –
Vergleiche ich nun Leid u. Freude, – so bleibt der Schmerz um das Verlorene, das Heimweh, ja weit hinaus vorherrschend u. für’s ganze Leben überwiegend – ! nach Prüfungen berührt neue Freude so ungewohnt, tritt wie etwas Fremdes an Einen heran – doch, wie schnell erfaßt man es auch wieder! u. erkennt wunderbare Führung. –
Der Erbprinz zählte nämlich zu den wenigen „Vielbegehrten“ den auch ich, für Elisab. mir still ersehnte, – – (Wünsche u. Gedanken sind ja noch zollfrei) – den aber auch andere Verwandte sich ausersahen! Daß er unsere Kleine, – wie sichs jetzt herausstellt – längst im Herzen getragen, u. erwählt hatte, dies glaubte ich, freilich, bis zuletzt nicht. Leider ist der Bräutigam gegenwärtig von hier abwesend, – hoffentl wird er Ihnen bei späterer Gelegenheit vorgestellt werden dürfen. – – Und nun noch, betreffs Ihres lieben, theuren Besuchs, ’mal bei mir hier, – von dessen gütiger Absicht Sie meiner Tochter Erwähnung thaten – möchte ich leise, bescheidentlich anfragen, ob u. wann derselbe im Laufe dieser Woche etwa ausgeführt werden könnte? – Ausgenommen nächsten Sonnabend, bin ich an jedem Nachmittage dieser Woche nämlich frei, bis jetzt, falls es Ihnen mit Ihren lieben Töchtern so passen sollte?! Elisabeth äußerte so etwas von „4 bis 5 Uhr“ als von der Ihrerseits genannten, für Sie bequemsten Zeit, wo Sie dann vielleicht einen kl. Thee oder Kaffee bei uns ein- u. annehmen würden – ich ersuche Sie dann nur um ein freundliches Wort, per Telegramm, wann u. auf welchem Hanauer Bahnhofe Sie u. die Ihrigen einträfen? wo Sie alsdann zur bestimmten Minute pünktlich erwartet würden. Nur wünschte ich recht von Herzen Ihr Hiersein sei nicht gar so kurz bemessen, u. dauerte länger, und beginne früher – recht egoistisch, aber aufrichtig? Sollten sie uns die Freude gewähren hier zu frühstücken und zu diniren so wäre es uns noch viel, viel lieber! Indem ich Sie umarme, alle Ihren [sic] lieben Töchter grüße u. Ihnen Alles am Beßten einrichten möchte, liebste Frau Schumann bin ich unwandelbar die Ihrige
Anna

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Phillippsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 137ff.
 



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