15.07.2019

Briefe



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ID: 17798 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 27.08.1885
 

Panker 27 August 85
Liebste Frau Schumann
Innig muß ich Ihnen noch Dank aussprechen für Ihr brieflich mir kundgegebenes wohlthuendes Beileid am Tode meines Bruders – Wahr sind Ihre Worte: „wir leben und werden alt, nur um zu verlieren“. Nach irdischen Begriffen ist das Maaß des Schmerzes zu voll für ein armes Menschenherz, das so unausgesetzt mit Leid überschüttet wird – Wer mit den Freunden, mit den Eltern, mit dem Manne u. dem ewiggeliebten Kinde ein Stück des Herzens verloren hat, der sollte füglich erstarkt sein u. solche Schickungen durch neue Verluste beinah als etwas Natürliches aufnehmen; trotzdem ist man nie für das was kommt gestählt. Den ritterlichen, einzigen Bruder betrauere ich als unersetzlich; von jeher hielten wir beide am meisten voneinander u. zueinander, er war felsenfest u. treu. –
Wirklich bleibt man zuletzt noch ganz allein u. vereinsamt übrig, wenn die nächsten Stützen u. Altersgenoßen hinweggerafft sterben, – gehören unsere theuren Kinder doch einer anderen Generation – u. sinnt umsonst über das Räthsel dieses Daseins, u. wundert sich, noch zu existiren! –
Auch mein Schwiegersohn von Anhalt macht mir Sorge, dessen eine Lunge seit Kurzem leicht angegriffen; eine Milchkur in Brückenau thut ihm gegenwärtig jedoch gut.
Seine Frau meine liebe Tochter die Erbprinzeßin, u. ihr reizendes 6 monatliches Kindchen, weilen währenddessen hier bei mir, was mich sehr auffrischt u. erheitert; – mein jüngster Sohn ward eben hier eingesegnet, u. auch mein Sohn Alexander u. Mr. Dykes sind abwechselnd auf der Insel Rügen u. in Panker bei mir; – wo wir im Allgemeinen vom Wetter recht begünstigt wurden, bis ja nun schon kühle u. kürzere Tage anfangen. – Ihnen, liebste Frau Schumann, geht es hoffentlich wohl u. genießen Sie die Gebirgsluft in vollen Zügen. Wie oft u. viel gedenken wir Ihrer, der frohen Stunden, die Sie uns einst hier in Panker geschenkt, jener Begegnungen in der Umgebung Kiels und so mancher, vergangener, schöner Vereinigungen! Mit dem Wunsche des baldigen Wiedersehens zum Herbste, u. der Bitte, Ihre Töchter beßtens zu grüßen, – unwandelbar die Ihrige
Anna.

Die Meinigen wollen sich herzlichst empfohlen wissen.

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Panker (Holstein)
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 146f.
 



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