15.07.2019

Briefe



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ID: 17807 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 05.07.1888
 

Ischl, 5 Juli 1888
Meine liebste Frau Schumann
Von Herzen danke ich Ihnen noch nachträglich für Ihre mich beglückenden, u. so sehr gütigen Abschiedszeilen, als ich Frankfurt vor einigen Wochen verließ! Es war mir recht aufrichtig leid, durch meine Gesichtsgeschwulst damals verhindert zu sein, Ihnen persönlich Lebewohl zu sagen, ja, nicht einmal zu schreiben war ich im Stande.
Wenn ich nun heute erst danken u. antworten kann, so liegt dies in der Natur der Dinge, und ich hoffe, Sie entschuldigen mich nachsichtig, wie stets. – Ich war u. bin fast ununterbrochen unterwegs, und des einziggeliebten Kaisers Todesbothschaft erreichte mich in Wien, – – nicht unvorbereitet, doch aufs Tiefste erschütternd. – Sofort unterbrach ich meine Erholungsreise, u. eilte zur Beisetzung nach Berlin-Potsdam – setzte danach die Reise weiter fort über Triest, Venedig, Mailand, Botzen, Innsbruck, hierher, rastete überall ein paar Tage; wende mich nächstens der Heimath wieder zu. Wohl war manches Schöne zu sehen, zu genießen, allein zur „Lustreise“ fehlt denn doch die heitere Stimmung – gleich nach des Kaisers vorauszusehendem Hinscheiden traf mich auch noch der unerwartete Verlust meiner in Wochen verstorbenen ältesten Nichte (Bruderstochter) und so brachte dies erste Halbjahr 88 meinem Hause nur Trauer über Trauer. –
Ich hätte meinen theuren Kaiser u. Vetter zwar selbst nicht von der Ruhe zurückhalten mögen, deren er jetzt wohl theilhaftig ist, aber daß er so schwer geprüft u. gemartert ward, wird meinem Herzen noch lange wehe thun! Und wie hat der sieghafte Held, der nun überwunden hat, in seiner Geduld allen Menschen ein Vorbild im Leiden gegeben! – Die Zeiten sind trübe u. voll Herzeleid.
Den Rest des Sommers werde ich in einem vormals Kurfürstl. Schlößchen „Schönfeld“ bei Cassel verbringen, um meinem jüngsten, an dortiger Kriegsschule lernenden Sohne nahe zu sein. Meine Kleine verlebt während meiner Abwesenheit ihre Ferien bei ihrer lieben Schwester Elisabeth in Dessau; ich habe schon rechtes Heimweh nach ihr. –
Man war so gütig, vom Hoch’schen Conservatorium aus, mir Billets für die daselbst stattfindenden, interessanten Prüfungen der Schüler zu zustellen, die mir nachgesandt wurden; u. die ich bedauerte, unbenützt lassen zu müssen, voll Dank, daß meiner gedacht ward! – Ihnen, meine theure liebe Frau Schumann, wünsche ich einen möglichst erquicklichen Sommer, hoffentlich in stärkender Luft, und darf Sie um freundl. Gruß an Ihre Töchter ersuchen, indem ich unwandelbar bin
Ihre Sie liebende, treue
Anna.

Mein Sohn Alek, dessen Sie so wohlthuend erwähnen, kehrte ganz enthusiasmirt vom Besuch bei Ihnen heim, auch darüber beglückt, Ihnen haben vorspielen zu dürfen, – weilt jetzt mit seinem jungen Musiker im Schwarzwald. –

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Ischl
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 171f.
 



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