15.07.2019

Briefe



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ID: 17822 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 19.06.1891
 

Panker 19 Juni 1891.
Theure Frau Schumann
Mit Betrübniss, inniger Theilnahme, habe ich kürzlich Ihres schon lange erkrankten Sohnes Ableben erfahren, und war es auch wohl eine Leidens-Erlösung für den Armen selbst, so bleibt es für Ihr Herz gleich schmerzlich und tief fühle ich Ihnen dies nach! – Und welche vermehrte Sorgen mögen Ihnen um die Hinterlassenen nun entstehen? neue Bekümmernisse durch die Wittwe u. Enkel Ihnen gar erwachsen? – Wären Sie nur hiervon wenigstens verschont; Ihrer Mutterliebe so manches Schwere erspart! – Unsere Erdenbahn ist leider oft an Enttäuschungen reich; u. die vor uns noch liegende verkürzt sich, die hinter uns hat schon lange Linien gezogen; – so wird die Hoffnung mehr begrenzt, und der Erinnerung Feld ein weiteres. – Das Vergängliche unseres Daseins wird uns immer klarer; man wird ihm mehr entrückt, begreift kaum noch den Geist der überstürzenden Zeiten; u. das Gefühl, als gehöre man vergangenen Zeiten an, wird wach – man würde ganz vereinsamt sein, – käme nicht hin u. wieder ein Lichtblick; verbänden uns die uns noch gebliebenen Kinder nicht mit mächtiger Liebe der Gegenwart; blühten nicht in Kindern u. Enkeln irdische Hoffnungen nochmals auf; – und Ihnen, geliebte Frau Schumann, ward die Kunst! mit ihrer ewigen Frische u. Wärme. Sie wird Ihnen auch jetzt Trösterin in trüben Stunden sein, Trauer versüssen helfen; über Tod u. Grab u. Herzweh emporheben. – Hier in Holstein gedenke ich Ihrer womöglich am häufigsten, wo mir, an Ihrer Seite einst frohe Tage beschieden wurden, Tage, wie sie Einem selten vergönnt sind! – Schön ist dieser Küstenstrich u. dieser Lieblingsort; aber kalt; wir heizen winterlich; was hoffentlich bald nicht mehr nöthig sein wird. Der Landgraf mein Sohn befindet sich auf der Nordlandfahrt nach dem sagenumwobenen, vulkanreichen Island; ich vernahm von ihm schwimmender Weise wochenlang nichts; die letzte Kunde, von den Far Öer, – lautete Gottlob unberufen gut. Das nunmehrige, gänzliche Aufhören jeder Drahtverbindung hat etwas Beklemmendes.
Meine anderen Kinder, Erbprinzeß u. Friedrich-Karl, erwarte ich hier im August. – Die Erbprinzeßin war 4 Wochen in England, zufolge Einladung ihrer cousinen Connaught v. Wales, kehrte befriedigt heim. Zuvor hatten wir uns bei Ihnen verabschieden wollen, theure Frau Schumann, u. leider waren Sie noch in B. Baden, und kamen erst später nach Frkfurt zurück; während ich grade dies Jahr schon im Mai, früher als sonst, zum Sommeraufenthalt hierher übersiedelte. – Es wurde mir in Frkfurt zu geräuschvoll u. zu elektrisch. – Tausend gute Wünsche folgen Ihnen dorthin, wo Sie für die nächsten Monde Ihre Schritte zu lenken vorhaben, tausend Grüsse gelten Ihren lieben Töchtern.
Unwandelbar die Ihrige
Anna.

  Absender: Anna, Landgräfin von Hessen (39)
  Absendeort: Panker (Holstein)
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 195f.
 



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