19.12.2019

Briefe



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ID: 17825 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 01.02.1856 bis: 24.02.1856
 

Liebe Frau Schuman!

Als ich das Glück hatte Sie zum letzten male zu sehn, war es wie ein Geist der wo herreinschlüpft ohne sich bemerkbahr machen zu können, – Sie saßen am Clavier, und spiehlten das Concert von Beethoven, als wären Sie das Licht das Strahlen in all die Instrumente des Orchesters sandte – das hat auch mich erwärmt, und giebt mir den Muth, Ihnen beifolgendes kleines Werkchen, – zu Mozarts Jubileum, für Ihren Herrn Gemahl zu senden, und dadurch wohl auch Ihnen selber, – blikt doch die Sonnenwärme eben neben den schönsten, – auch das kleinste Pflänzchen gütig an, und hat neben der schönsten Blume den auch die kleinste doch den Muth hervor zu sehn, – so streke ich nun ungefragt, meinen Kopf, mit diesen weißen bedrukten Blätterche hervor. – Vielleicht verdient es die kleine Dichtung von Mörike, (welchen ich für den bedeutensten jetzt lebenden Dichter halte, so einfach er in seiner Art ist, aber Seele und Sprache sind eins,) – das sie von Ihrem Herrn Gemahl gelesen wird, so lieblich stellt sie uns Mozart vor Augen, wie wir ihn uns seiner Musik nach im Hause denken, – und was so schwehr, seine Sprache, ist in keinem Augenblik verfehlt, andre Dichter vermögen nicht einmal ihre eignen erfundnen Caraktere, mit einer nathürlich dazu passenden Sprache auszustatten, mit welcher Liebe mußte sich Mörike in Mozart hinnein denken, das er ihn so harmonisch, und doch nathürlich sprechen ließ – gar lieblich ist der Gedanke das aus dem Duft der Orang Mozart die Erinnerung an Italien, und so plötzlich, an neue südliche Melodie, zu seiner Oper erwacht. – Auch die Erzählung des kleinen Festes in Italien. Kurtz wir sind ihm herzlich nah, was bei Musikern gewiß weit schwehrer ist, als bei Dichtern deren Werke wir lesen, – und Mörike giebt ihn uns zu fassen, und lieb zu haben; Ich hoffe Sie werden auch finden, man legt das Büchelchen, recht seelich behaglich aus der Hand, – nicht wie jetzt fast immer, bedrükt von Büchern, die wie compliezierte Speisen sind, aber verdorben, doch diese Kost ist einfach aber gut, wie Walderdbeeren. – Zugleicher Zeit wage ich ein Familienbilderbuch von Richter beizulegen, da ich bemerkte das Ihr Herr Gemahl große Freude an Bildern hat, schenkt er vielleicht diesen Bildern von Richter einen gütigen Blick. – Die Mozarttage sind wunderbahrer Weise in unserm kalten Berlin, wie die Festage [sic] eines lustigen Heilgen begangen worden, vielleicht that das anregend schöne Wetter auch viel die Sterne standen Abends so clar am Himmel, als wäre seine Melodie dort für die Engelchen recht deutlich aufgeschrieben; Mozart steht so fern von aller Parteisucht, das die Leute wohl alle froh sein konnten, ohne sich zu ärgern, was hier heufig der Fall, ich fürchte allein Hänschens von Bülows Gram, das das [?] alles nicht gegen Wagner, doch denke ich lernt er das es noch nicht scheel ist, eltere Meister zu verehren, und mehr zur Religion gehöhrt, als eine neue Religion durch Götzen aufzubringen, er ist ja von Herz gut, nur ist die Wagner Angelegenheit eine fixe Idee, denn so viel Anerkenntniß der Mann verdient, hat er gewiß. – Es war hier als wehte Mozarts Geist, alles freudig an, seine Lust und sein stetes Behagen, die Sachen in den Conzerten waren ziehmlich gut gewehlt, – war auch vieles nicht hervortretend, so sind das wohl Mozarts Sachen auch nicht immer, er ist manchmal wie eine Frau die gar keine Schönheiten hat aber durch ihre Anmuth alle übertrifft. – Kurz es war sozusagen eine Wonne, was für Berlin wiegesagt auffallend genug ist, man konnte garnicht unterlassen, Mozart zu Ehren, Kuchen zu essen oder Schocolade zu trinken, man höhrte nichts mehr andres, und begegnete man Jemand und er pfiff den Figaro, so summte man sicher, in deinem Arm zu weilen Freund: e. c. t. aus Titus. – Ich bin einer so bedeutenden Künstlerin wie Sie gegenüber immer zu furchtsam gewesen, irgend etwas zu äusern, – aber die Tage geben mir auch den Muth Ihnen meine bescheidne Gabe zur Mozartfeier – wo man ja zuerst an Schuman denkt, zu senden. – Werden doch im Tempel auch die Tauben und Hühner der Armen als Opfer angenommen, und da Sie die liebe Pristerin sind die mit ihre Fingern Schumans Sachen so schön zu deuten weiß, gehe ich vielleicht nicht fehl[.]
Von Herzen, Ihre G. Arnim

  Absender: Arnim, Gisela von, verh. Grimm (106)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
S. 72-74
 



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