19.12.2019

Briefe



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ID: 17827 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 15.05.1855
 

Bonn d. 15 Mai 1855
Liebe Freundin!
Durch Ihre Vermitlung habe ich Herrn Schumann zu sehen verlangt. Durch einen oeden Hof und oedes Haus ohne Lebenszeichen, kamen wir in ein leeres Zimmer in dessen offnem Fenster ein Perspectiv die Gegend von Bonn beherrscht, hier harrten wir des Arztes der endlich erschien und eine Weile mit Reden uns aufhielt; Ich drang darauf Ihren lieben Mann zu sehen, so führte er uns wieder durch oede Gänge in ein zweites Haus worin es so stille war daß man eine Maus hätte laufen hören können. Hier stellte er uns eine Frl Reumont vor und ließ uns allein mit ihr, nach geraumer Zeit kam er um zu melden daß Herr Schumann nicht in seiner Wohnung sondern in Gegenwart der Frl Reumont uns zu sprechen wünsche. Nachdem eine Stunde verflossen war, kam er, ich eilte ihm entgegen, die Freude erglänzte auf seinem Antlitz uns zu sehen; während Gisel mit Frl Reumont auf dem Soffa sich unterhielt, sagte er mir mit Worten die er nur mit Mühe aussprechen konnte, das Sprechen sei ihm immer schwer geworden, und nun er seit länger als einem Jahr mit niemand mehr rede, habe dies Übel noch zugenommen. Er unterhielt [sich] über Alles was ihm interessantes im Leben begegnete, über Wien, über Petersburg und London über Sicilien – über Brahms und Woldemars Werke, über Joachims Genius seiner Compositionen welcher den seiner Virtuosität weit überflügle, kurz, er sprach über alles unausgesetzt, was ihn je freudig erregt hatte und obschon Frl Reumont uns Gelegenheit anbot zum Aufbrechen, nahm ich die Zeit mir wieder die man mich hatte verlieren lassen. Gerecht und gütig, voll liebendem Feuer für seine Schüler, durch seine Anerkenntniß den Reiz der Begeisterung in ihnen erhaltend, ist er einzig angestrengt sich selbst selbst zu beherrschen, allein wie schwer wird ihm dies wo er von Allem was ihm heilsam und ermun-ternd sein könnte geschieden bleibt? Man erkennt deutlich daß sein überraschendes Übel nur ein nervöser Anfall war der sich schneller hätte beenden lassen hätte man ihn besser verstanden, oder auch nur geahnt was sein Inneres berührt, allein dies ist bei Herrn Richards nicht der Fall, er ist ein Hypochondrer Mann. Krank an Leib und Gemüth der eher Schumanns Seelenadel nicht sowohl versteht als ihn für ein Zeichen seiner Krankheit annimmt. Ich höre mit Freuden daß Sie ihn recht bald wieder im Kreis seiner Familie erwarten, doch Sie werden wohl auch den Wunsch haben ihn vor aller zu heftigen Erschütterung zu hüten und diese Rückkehr zu den seinigen die seine ganze Sehnsucht erfüllt könnte leicht zu stark auf ihn wirken da er bisher ohne Theilnahme war; ich habe darüber nachgedacht, vielleicht ließe sichs zuförderst ermitteln ihn mit einigen seiner Kinder zusammen zu bringen wo er auch Musik hören könnte, ich werde darüber dem Joachim schreiben.
Sein Sie überzeugt daß ich den wärmsten Antheil an Ihnen allen nehme und bleiben Sie mir freundlich gesinnt.
Bettine Arnim.

  Absender: Arnim, Bettina von (105)
  Absendeort: Bonn
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Düsseldorf
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
67f.
 



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