19.12.2019

Briefe



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ID: 17905 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 07.09.1856
 

Dresden d. 7t Sept. 56.
Unser Gedenken u unsre innigste Theilnahme sind so viel bei Ihnen theure geliebte Frau, daß ich es doch endlich aussprechen muß! – Immer zögerte ich damit, fürchtend Sie würden so viel mit Briefen bestürmt; doch nun mag ich nicht länger zurückhalten u Sie müssen wissen, daß die treuen Dresdner Freunde noch warm für Sie fühlen u mit Ihnen trauern über Ihren schweren unersetzlichen Verlust! – Ich weiß ja wie Sie Ihren geliebten Mann liebten u begreife daher auch wie schwer u öde das Leben Ihnen sein muß; nur durch die Sorge für Ihre Kinder u das Gefühl ihnen Alles zu sein werden Sie wieder in die gewohnte Thätigkeit zurückkehren u Gott mag Sie mit schönster Kraft stärken.
Sehr freuten wir uns zu hören, daß Sie in den schönen Schweizerlüften sich aufhalten u sich Ruhe gönnen für Geist u Körper nach all’ dem Schweren; möchte Ihnen dies wahrhaft wohlthun! – Ich sprach Ihre Frau Mutter hier zufällig auf der Terrasse u war so kühn mich gleich nach Ihnen u Ihren Kindern zu erkundigen. Ihre 2 lieben Jungelchen haben Sie mit sich – das ist schön! – Ihre beiden ältesten Töchter sah ich vor einigen Wochen in Lockwitz bei Preußer’s – recht in Wehmuth u Bekümmerniß, gleich nach dem sie die schwere Trauernachricht erhalten u können Sie denken wie weh auch mir bei ihrem Anblick war! – Ich freute mich zu hören, daß sie in Leipzig in so guter Pension; ich fand sie Beide sehr nett in ihrem Äußern, ja eigentlich nicht so verändert, als ich es nach so langen Jahren geglaubt u freute mich der bekannten lieben Gesichtszüge. – Preußer’s öfter zu sehen ist uns eine große Freude; sie sind liebe prächtige Menschen u Jeder in seiner Weise vortrefflich. Frau Preußer selbst sieht recht angegriffen aus, der große Umzug, die Heirath der Tochter u die ganz neue Lebensweise, das Alles stürmte wohl zu schwer auf sie ein; doch sind sie Alle gern da draußen u werden sich also hoffentlich auch nach und nach dort wohler u frischer fühlen. – Bei uns geht es gut, bis auf die Augen meines Mannes, die immer noch so schmerzhaft u reizbar, daß sie ihn an der Arbeit hindern! – Er brauchte auf Jungken’s Rath Franzensbad, hielt sich dann noch einige Wochen in den grünen Bergen u Wäldern des Fichtelgebirges auf – doch bis jetzt merkt er wenig Veränderung u wir leben nur in der Hoffnung, daß die Ruhe u das Bad doch endlich noch kräftig nachwirken werden. – Es ist auch eine schwere Prüfung, wie es deren Viele in dieser unvollkommnen Welt giebt u die doch eben wohl nöthig u gut sein müssen zu unserm Besten! – Mein Mann grüßt Sie auf’s Aller Beste mit mir in treuster Theilnahme, ebenso Hübner’s; die Reinick, die theilweis diesen Sommer hier lebte, schrieb Ihnen glaube ich selbst – im Augenblick ist sie im Bilaer-Grunde bei der Mutter u den Geschwistern die dort wegen eines kranken Bruders sich zur Kur aufhalten. Das sind auch schwer geprüfte Wesen, die nie ohne Sorge um ein liebes Glied der Familie leben. –
Frl. v. Lindemann besuchte mich grade, während ich Dieses schrieb u theilte mir mit, daß sie ganz neuere Nachrichten von Ihnen hatte – ja, ich nehme sogar ihr Anerbieten an, diese Zeilen durch ihre Güte Ihnen zukommen zu lassen, weil sie Ihre genaue Addresse kennt. – Gottlob ist sie ja endlich wieder gesund, aber das rechte Auge scheint mir nach der argen Entzündung ziemlich verloren u das linke ist wohl auch schwach; sie selbst ist trotzdem guten Muthes u denkt in nächster Zeit wieder zu musiziren u Stunden zu geben. –
Nehmen Sie mit Nachsicht diese Zeilen auf u lesen Sie nur daraus, wie wir eben mit treusten Wünschen immer Ihrer gedenken! - Ihre L. Bendemann
An Frau Dr. Schumann

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 66-69
 



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