19.12.2019

Briefe



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ID: 17911 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 05.07.1864
 

Düsseldorf d. 5t Juli 64.
Vielen u herzlichsten Dank für Ihren Brief geliebte Clara u für die Einladung an Marie! Leider kann sie keinesfalls diesem lockenden Ruf folgen; sie braucht die Kur dieses Mal gründlich u länger, was sie gewiß schon selbst unsrer lieben Julie geschrieben u wird grade so mit dem 23–24 d. M. abreisen können, wenn Sie auch nach St. Moritz davonfliegen! Außerdem würden wir Marie jetzt nicht länger entbehren können, als es eben ihre Gesundheit verlangt; mein Mann geht Mitte August in’s Seebad u möchte doch vorher gern die einzige Tochter wieder noch etwas um sich haben! – Denken Sie, daß wir ja jetzt immer à trois am Tisch sitzen u mit den Gedanken unsre 4 auswärtigen Kinder an den verschiedenen Orten viel aufsuchen. Gott sei Dank hatten wir bis jetzt immer gute Nachrichten von Allen u schauen also auch weiter muthig vorwärts! – Unser ältester Sohn schrieb längere Zeit nicht, was mich einige Tage sehr beunruhigte, doch Sonnab. kam dann ein klein-winzig Briefchen von ihm, das er gleich nach dem großen Übergang nach Alsen geschr. – Man hatte ihn mit seinen Pontonnieren v. Jütland eiligst hergeholt, um mit zu helfen u so hatte er wieder enorm gearbeitet, Tag u Nacht u war wie er sich ausdrückt: „permanent naß vom Seewasser“ – aber Gottlob gesund. – Die Kugeln der Dänen u das Wirthschaften auf der See beim Hinüberbringen der Truppen, Alles hatte ihn nicht aus seiner muthigen Ruhe u klaren Umsicht hinausgebracht! – Ja, bis jetzt machen uns die Söhne viele Freude u viel Dank steigt im stillen Gebet dafür zu Gott empor! – Auch Felix schreibt so hübsch; so begeistert für seinen Beruf u doch vernünftig u besonnen! Er schlief schon am 1t Juli a. d. Schiff in der Hängematte u diese Woche fahren sie nun v. Swinemünde in’s Haff, um ordentlich zu lernen u zu arbeiten. Es ist die „Brigg Rover“, auf der die 15 jungen Aspiranten ihren ersten Versuch machen! – Der alte beinah 90jährige Großvater verfolgt auch mit Freude die Laufbahn der verschiedenen Enkel u ist wirklich etwas stolz auf die 3 im Kriege mit Orden Dekorirten. Mein Mann grüßt Sie u Julie u die andern Kinder herzlichst mit mir! – Könnte ich Ihnen doch etwas Ihre Sorgen u Melancholien nehmen! Sie beste einzigste Frau müssen Muth u Frische behalten! Sie dürfen garnicht so viel in sich grübeln u an sich denken – das ist Unrecht! – Kunst u Natur, Kinder u Freunde – Alles giebt Ihnen ja so viel sich zu freuen u in schönster Weise sich zu zerstreuen u da müssen Sie recht absichtlich Alles Grübeln fortjagen! – Wie sehr mich Stockhausen’s Glück freut, kann ich gar nicht sagen; möchte die Frau sich als ächte Frau für wahres u bestes Zusammenleben u Streben bewähren! – Er hat doch so viel Großes u Seltenes in sich u bedarf nur eine Hülfe zur Klärung u Mäßigung in Manchem! – Noch hoffe ich, daß Frl. Leser bald zu Ihnen fährt u doch noch 14 Tage Sie genießt, bevor Sie in die Schweiz müssen! – Nun genug – Sie haben immer schon so viel zu lesen u zu schreiben. – Meine Correspondenz ist jetzt auch enorm! –
Behalten Sie Ihre alte getreue Lida etwas lieb u denken Sie unser Aller wie wir Ihrer so oft in Liebe! –

An
Frau Clara Schumann
Lichtenthal bei
Baden-Baden.
d. G.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 111ff.
 



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