19.12.2019

Briefe



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ID: 17913 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 03.10.1865
 

Düsseldorf d. 3t Ockt. 1865.
Gleich heute sage ich schon meinen innigsten Dank für die Freude die Sie mir durch Ihre lieben Worte gemacht theuerste Clara; ich erkenne es immer als besondere Liebe, wenn Sie mir Zeit widmen u das macht dann auch besonders froh u dankbar. – Ja, es ermuthigt mich Ihre treue Liebe u alte wahre Freundschaft so, Ihnen gleich auch zu sagen, daß Frl. Jungé mir selbst den Brief brachte u mir zugleich mittheilte, daß Sie ihr den Wunsch aussprachen Julie für diesen Winter zu Frl. Leser zu geben. Frl. Jungé war wohl etwas bestürzt, denn einzig gute Frau, das paßt doch garnicht u ich staune, daß Sie bei Ihrer großen Umsicht u Ihrem Mitgefühl für Ihre Kinder, wie für Ihre Freunde nicht entschieden dagegen sind grade Julie zu Frl. Leser zu geben. – Auch wir hätten Ihnen Ähnliches gern angeboten, wenn wir Julie so viel Beschäfftigung geben könnten, als wir geistig u körperlich für durchaus nothwendig halten, um so mehr als es hier an vielerlei Zerstreuungen, die spät in die Nacht dauern, nicht fehlt u diese grade für Julie schädliche Aufregungen aller Art mitzubringen pflegen u unmöglich zu vermeiden sind. –
Weder Frl. Leser noch wir können ihr Beschäfftigung geben u können auch nicht Einladungen, spätes Aufbleiben, u all’ dergleichen von ihr abhalten. – Auch der tägliche Weg zu Klems ist unpassend für ein junges hübsches Mädchen, grade bei den hiesigen Verhältnissen. Schon bei unserm letzten Zusammensein rieth ich Ihnen geliebte Clara, Julie in eine in sich ruhig lebende Familie zu bringen, wo sie durch Musikstunde u Französisch sich nützlich machen kann u selbst Befriedigung eben in der Thätigkeit findet ohne sich weiter anzustrengen; dann wird sie auch körperlich gesunder sein, geistig sich erfrischt fühlen u im Ganzen so glücklich u froh wie wir es dem lieben begabten Mädchen Alle so sehr wünschen. – Frl. Leser ist zu kränklich, zu alt – u bedenken Sie ihr Unglück – damit ist Alle Scheu vor Reisen, alle Kleinmüthigkeit u Ängstlichkeit mein ich erklärt, –
nur in der ihr bequemen Weise darf man ihr Zerstreuung bieten! Ja, wenn Sie bei ihr sind, dann ist sie ganz glücklich, weil dann Geist u Herz Nahrung haben u natürlich Alles Andere dann leichter erscheint. – Für Elise u Ludwig wünschen wir aus vollstem Herzen schönstes Gelingen in den eben betretenen selbständigen Wegen. Wir fühlen Alles was Sie dabei bewegt tief mit Ihnen, denn auch wir machen ja Ähnliches immer durch. Eben schwimmt Felix auf der Segelfregatte Niobe als fertiger Seekadett mit fort u sagte uns in kurzen Worten von Deutschland aus ade; sie gehen für den Winter nach den canarischen Inseln, legen aber nochmal in Plymouth an. Da können Sie denken, wie man Gott täglich um gnädigen Schutz anfleht. – Ernst bringt Marie am nächsten Sonnabend nach Leipzig u Dresden u geht dann d. 15t nach Göttingen, um nöthige Collegia zu hören; so werden wir wohl bis Mitte Nov. allein mit unserm Rudolf bleiben – denn Marie geht dann auch nach einigen Wochen zum alten theuren Großpapa, der jetzt garnicht mehr aus kann u dem wir, so wie Minna Meyer, gern eine erheiternde Umgebung senden! – Nehmen Sie meine Worte in Nachsicht an; ich konnte nicht schweigen, denn das hätte mir gefühllos erschienen u Sie sind uns zu lieb, um nicht ehrlich u offen zu sprechen! – Mein Mann u Marie grüßen Sie, Marie u Julie auf’s Innigste mit mir; wie köstlich wäre es wenn Sie hier Mal wieder spielten u wir Sie um Weihnachten erwarten dürften! Gott stärke u hüte Sie u Ihre Kinder.
Immer Ihre treuste Lida B.

An
Frau Clara Schumann
Baden-Baden.
d. G.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 116ff.
 



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