19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 17914 Brieftext


Geschrieben am: Montag 13.08.1860
 

Godesberg d. 13t Aug. 1860.
Hätte ich eine Gelegenheit zur Rückreise für Ihre beiden kleinen Lieblinge gewußt, meine liebe theure Clara, so hätte ich es gleich geschrieben, trotz allen Besuchs u aller Unruhe; aber mein Bruder Felix der der beste Begleiter gewesen wäre reist auch immer in Absätzen zurück, bleibt noch in Braunschweig u. a. Orten, um Gallerien, schöne Architekturen u. dgl. zu sehen u fast ebenso machten es alle die Herren Künstler! Ich denke, da Kreuznach so sehr stark besucht war u ist, fanden Sie sicher Berliner Familien, die die Kinder gleich direkt mitnahmen! Wie große Freude machte mir Ihr Brief u wie danke ich Ihnen oft im Stillen Ihre Liebe u Theilnahme u lasse mich dadurch erheben u erquicken; Ihre enorme Thätigkeit ist überall mein Staunen u Bewundern u wieviel Stunden gaben Sie nun jetzt wieder! Von Ihrem letzten Concert vor 8 Tagen mit Herrn Stockhausen hörte ich noch nichts weiter denke aber, daß es ebenso glänzend u vielleicht noch belebter ausfiel, als das erste. Herrn Joachim sprach ich heut vor 8 Tagen im Jakobi’schen Garten, wo der große Kaffee mit Damen war u es heiter u munter herging; er promenirte meist mit Herrn F. Kaulbach a. Hannover herum, der ehrlich gestanden einen recht eitlen u unangenehmen Eindruck mir machte, so daß ich auch garnicht eine Bekanntschaft mit ihm suchte u nicht begreife was Joachim an ihn [sic] haben kann. Alle unsre Herren flohen ihn möglichst ja sie schienen ihn etwas zu fürchten, so sehr sie sein Talent anerkennen! Doch das nur für Sie meine Herzensfrau! – Joachim sagte mir, er wolle bald wieder nach Haus, woraus ich denn auch entnahm, daß er leider nicht an die Schweiz denkt – schade, schade, daß die Herren Sie nicht begleiten können u Sie am Ende nicht in die stärkende Bergluft kommen, wenn es sich nicht noch sonst wie glücklich für Sie einrichtet, was ich, bis jetzt hoffe. – Man kann dies Jahr nur leider überhaupt nicht mal im Freien sein, da der Regen täglich strömt u die Luftbedürftigen immer wieder in’s Zimmer treibt. Mein Schwiegervater blieb länger bei uns in Ddorf als er Anfangs wollte, weil ihm auch immer der Muth für „ländliches Wohnen“ fehlte; Gottlob blieb er wohl u frisch u wir lebten die Wochen höchst gemüthlich mit ihm, dem Fel. Meyer u dann auch meinem Bruder Felix, der nach längerem Unwohlsein recht der Erholung bedurfte u sie, Gott sei Dank, auch fand. – Mein Mann hatte unendlich zu thun, zu rathen, zu reden u zu helfen. Doch da das Fest so schön, so harmonisch, reitzend u erfreuend verlief, war es ihm auch gut bekommen, u Vieles hatte ihm wahrhaft wohl gethan. Manch’ altem Bekannten drückte er nach vielen vielen Jahren wieder die Hand u manch’ Neuem zuerst in herzlichem Entgegenkommen; die Wiener u Münchner Herren waren grade besonders angenehm u liebenswürdig. –
Unsre Antwerpner Freunde, Swerts u Guffens, brachten mir ein Briefchen der Gräf. Baillet mit, die noch in dankbarer Erinnerung Ihrer, meine beste Clara u Ihres köstlichen Spiels gedenkt u so wie die Concertzeit beginnt, hofft, Ihnen schreiben zu können, daß die Städte: Brüssel, Antwerpen u Gent () gar gern unter guten Bedingungen Sie hinwünschen! – Machen Sie sich einen Plan zum Spätherbst u Winter, so bitte sagen Sie es mir, denn ich muß der Comtesse Baillet Mal schreiben u könnte ihr dann vielleicht gleich dabei bemerken, in welcher Zeit Sie ungefähr nach Belgien zu kommen gedächten, falls die Concerte wirklich einträglich. Nun noch zu Ihren Kindern! – Ich möchte nur wegen Elise, daß Sie mehr im Norden oder Osten eine Familie fänden, in der sie 1 Jahr leben, u sich fangen lernen könnte; ich meine dort ist man ernster, fleißiger, regelmäßiger mit der Zeit eingetheilt u einfacher in allen Bedürfnissen, als hier am Rhein, wo Alles zu verwöhnt, zu äußerlich u flüchtig; die richtige Liebe braucht ja nirgends im Zusammensein ausgeschlossen zu sein. – Sollte man sich vielleicht Mal an die Reinick deshalb wenden? Sie liebt Sie so u würde gern helfen, da sie selbst so trefflich Geistiges mit ächter Weiblichkeit zu verbinden weiß; ich schreibe der Reinick bald u könnte ihr also, wenn Sie wünschen, deshalb eine Frage thun. Sie wohnt mit der Mutter, die sehr elend, u den Schwestern in Zoppert bei Danzig, im Seebade! – Julie dachte ich, würden Sie in Berlin in halbe Pension geben, wo sie früh hingeht u Abends gegen 9 U. erst wieder käme; da hat ja Marie nichts weiter zu erziehen u doch würde es nicht so kostbar sein, als ganze Pension u wieder entfernt, wo die Reisen oft so umständlich! – Frl. Werner würde doch gewiß gern u gut diese halbe Pension für Julie in B. finden! – Daß Ihr Felixchen solch’ liebes Kind hörte ich ja oft schon u wünschte mir darum immer ihn zu sehen; ich bin um so glücklicher, daß er Ihnen so recht tröstlich u erquicklich in seinem ganzen Wesen u glauben Sie nur fest daran, daß nach allen Sorgen mit den Kindern Ihnen auch noch Freude u Stärkung aus der lieben Schaar kommt! – Immer muthig – Gott wird Ihnen weiter helfen – folgen Sie nur immer Ihren natürlichen richtigen Gefühlen in Allem! – Hält das Wetter so leidlich aus mit milder Luft wie seit Freitag, wo wir her kamen, so bleiben wir noch 14 Tage hier; denn unser Großpapa liebt die Aussicht auf das Siebengebirge hier so sehr, fand eine bequeme Wohnung mit Balkon u hat gute Wege u Chausseen zum promeniren. Ich trinke noch Molken u pflege mich nun so in Ruhe, ohne Wirthschaft u. s. w. ganz gründlich – bin auch im Ganzen wohl, bis auf die kl. Unbehaglichkeit, die ja Jeder mehr oder weniger zu tragen hat! – Marie u die beiden Kleinen sind mit uns u so leben mein Mann u der Ernst ganz still u fleißig, wie sie es sich Beide für diesen Monat wünschten in Ddorf fort! – Nächsten Sonnabend u Sonntag wollen sie uns hier besuchen u so sind wir denn doch auch nicht zu lange getrennt! – Der Ernst bekommt erst am 4t Sept. Ferien; vielleicht macht dann noch mein Mann mit ihm u unserem ältesten Sohn, der auch im Sept. auf Urlaub hofft, eine kl. Reise; das sind dann 3 gute Fußgänger, die Alle lieber laufen, als fahren! – Mein Bruder Felix fuhr mit vielen Künstlern den Rhein hinauf bis Coblenz, sah Alles Sehenswerthe u war dann Sonnabend u gestern noch hier mit uns; er ist ein lieber prächtiger Mensch, mit dem ich von Kind auf eng verbunden gelebt u daher immer sehr froh bin, wenn wir Mal wieder einige Zeit beisammen! – Seine Zwillingchen gedeihen u seine Frau schrieb ihm nur Gutes – doch ist er so zärtlicher Gatte u Vater, daß ihn eine große Sehnsucht nach Haus treibt. – Mein kranker Bruder war von Rolandseck wieder zurück in Ddorf, weil er in dem feuchten Wetter zu wenig hinauskonnte u zu kühle Zimmer hatte. – Sein Befinden war u ist immer dasselbe! – Hasenclever’s reisten gleich n. Montreux an den Genfer See, weil es an allen andren Orten zu kühl u naß war u er leider auch immer viel unwohl war. Der arme Köhler ist auch in der Gegend dort, sehr schwach. Ich denke Marie schrieb Ihrer Marie noch Manches von der schönen Illumination u den andren Festlichkeiten – daher wiederhole ich es nicht auch noch! – Frl. Leser u Frl. Junge, wie Ihren Kindern die allerherzlichsten Grüße! Ist denn Stockhausen ganz zufrieden mit seinem Hals? u gut bei Stimme? u brauchte er wirklich ordentlich die Kur? – Frl. Schönerstädt wollte gestern hier nebenan bei Wendelstadt’s sein, doch sahen wir sie nicht u glauben also, daß sie auch nicht kam! – Wissen Sie etwas von Preußer’s? – Nun aber ade – Gott behüte u stärke Sie meine geliebte theure Freundin –
Immer Ihre dankbare u getreue Lida B.

Ist Frau von Pacher u Frl. List mal bei Ihnen? Vielleicht beantwortet Ihre Marie die Fragen – Ihre Zeit ist gewiß kostbar genug! –

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Godesberg
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 72-77
 



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