19.12.2019

Briefe



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ID: 17917 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 28.02.1866
 

Düsseldorf d. 28t Febr. 66.
Tausend Dank für Ihre warmen Worte geliebte Clara u für Alles was Sie in treuster wahrster Freundschaft mit uns fühlen, mit uns wünschen! Ja, es waren schwere Wochen, die voran gingen; – der ernstesten Gespräche, Bedenken, Prüfungen, Zweifel, Hoffnung – Alles was ein Menschenherz in so heiligster Sache für Zeit u Ewigkeit bewegen kann, zog durch Marie’s u durch unsre Herzen u Sinnen! Die höhere wahre ernste Liebe siegte; u das feste Bewußtsein trägt uns jetzt muthig vorwärts, daß unser Kind glücklich ist u auch Otto Euler der ehrenwerthe, feine u ernste Mensch ist, der ihre Liebe verdient u mit dem sie zusammen das Beste u Höchste immer erstreben wird – wenn auch Jeder still in seine Kirche wandert. – Alles ist klar besprochen worden; Marie hat mit seltener Klarheit u in der Frömmigkeit die sie unter Gottes Schutz bei uns erlangte Alles Schwere, was kommen kann sich täglich, stündlich bedacht – ich darf sagen, sie hat wie ein Held gekämpft u nie hätte ich ihr so viel innere Kraft zugetraut; Gott hat sie wunderbar getragen u wird sie ja auch ferner nicht verlassen! – Otto Euler hat ebenso redlich gekämpft – längst drängte er seine Neigung standhaft zurück, ging vorigen Winter deshalb garnicht in Gesellschaft u scheute förmlich sich ihr, sich uns mehr zu nähern; aber diesen Winter, schon vor Weihnachten, kamen wir zufällig bei Hasencl. u Sohn’s u uns wieder mehr zusammen – seine Neigung riß ihn hin – er machte endlich Andeutungen nur ernstester Art im Gespräch mit ihr – genug, sie merkten gegenseitig wie es ihnen um’s Herz u in aller Hoffnungslosigkeit, wollten sie sich doch hin u wieder nur ganz ernst sprechen! – Das war aber zuviel für liebende Menschenherzen – ich merkte dgl. – Marie vertraute sich unter heißen Tränen mir an u nun begannen die schweren Wochen! – Erst wollten wir meinem Mann wegen seiner matten Stimme Alles verschweigen, aber das hielt ich wieder nicht aus u fühlte, daß ich unter all’ der Herzensangst für unser Kind krank würde u so sagten wir es ihm denn u das war auch gut! – Mein Mann in seinen tiefen religiösen Kenntnißen, in seinem festen Protestantismus, in der heißen Liebe zu seinem Kinde konnte doch am besten mit Otto sich besprechen; Briefe u Besprechungen kamen Viele unter den beiden Männern vor, bis mein Mann fest fühlte, daß Otto ein wahrer Christ ist, die höchste Liebe für Marie hat u die Formen eben übersehen kann u so ließen wir ihn am Freitag d. 16t Abends herkommen, beide junge Leute sprachen sich ernst u wahr aus u unter heißen Segenswünschen ließen wir sie sich verloben! – Nun sind sie überglücklich – Gott laße sie es bleiben u mehr u mehr werden. An Theilnahme schönster Art fehlt es nicht – unsre ganze Familie in Berlin u Dresden freut sich wahrhaft u da sie auch aus juristischen Kreisen verschiedenes, nur Bestes von Otto hören so fühlt Jeder mit uns, daß Marie eben nur einem Mann angehören kann, der wahre Liebe u Achtung verdient! – Täglich kommen 6–7 Briefe u so unendliche Besuche, daß ich kaum Kräfte hatte Alles zu bewältigen u ein paar Tage mich ganz still halten mußte. Gottlob geht es mir jetzt wieder besser – aber meinem armen Mann mit der Stimme noch nicht; er ist sonst wohl u fährt täglich in sein Atelier – aber der Ton fehlt ihm u so kann er nur still zu Haus leben – weitere Geselligkeit liegt uns fern. Nur mit der Familie Euler u Vautier besprach er sich still. Wäre es bei uns nicht so bewegt nach Innen u Außen hergegangen, hätten Sie theure Clara längst von mir direkt gehört! Wir freuen uns so von Herzen, daß es Ihnen in Wien so gut geht u die Menschen dort so recht u so gründlich Musik genießen; mag es Ihnen in Pesth ebenso geschehen u Alles Gute über Sie u Ihre Kinder kommen, wie ich es so oft erflehe. – Julie schrieb gleich ganz wunderhübsch an Marie – so mitempfunden u so lebendig, wie sie es grade fähig! – Und wie schön sind Ihrer Marie Worte an unsre Marie, da fühlt man die ganze Tiefe des prächtigen ernsten Mädchenherzen’s für das Glück der Freundin! –
Wir haben viele herrliche Briefe bekommen u wohl dürfen wir uns besonders glücklich preisen, daß so viele prächtige Menschen uns nahe stehen u so Vieler Liebe mit auf unsern Kindern ruht. – Eine Cousine Bendemann aus Breslau schrieb mir auch gestern u noch sehr glücklich u entzückt, daß man Sie vor Weihnachten dort gehabt theure Clara u sich an Ihrem Spiel erbauen konnte. Über die Zukunft haben wir noch nichts bestimmt; erst muß mein Mann wohl sein – jetzt beschäfftigte uns auch noch zu sehr alle Correspondenz u alle Gratulationen von Nah u Fern. –
Donnerstag früh. Gestern wurde ich abermals oft unterbrochen u eile gleich heut zum Schluß. Zu Frl. Leser lief ich noch schnell, um zu hören, was Sie macht u Ihnen sagen zu können, daß es ihr leidlich wohl geht u daß sie sich doch jeden Tag in der Luft bewegt; sie gab mir die Einlage für Ihre Marie, die aus London gekommen ist. – So wollen wir denn auf baldig Sehen hoffen u daß wir immer nur erwünschteste Kunde von Ihnen hören! – Marie dankt u grüßt auf’s herzlichste – mein Mann ebenso! – In treuer Liebe Ihre Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 120-123
 



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