15.07.2019

Briefe



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ID: 17918 Brieftext


Geschrieben am: Montag 14.01.1867
 

Liebe Freundin
Aus den liebevollen und freundschaftlichen Zeilen welche Sie meiner Frau geschickt haben u welche ein gutes Theil Liebe für mich mit enthalten, geht hervor, dß Sie uns doch ein wenig gezürnt haben. Wir hätten über Baden hierher reisen sollen um Ihnen wenigstens einen guten Tag zu wünschen. Hiezu nun erlaube ich mir Folgendes zu sagen damit Sie auch jeden etwa noch vorhandenen Rest von Vorwurf oder wie Sie es nennen könnten über Bord werfen. Meine Frau wollte eigentlich nicht bei Ihnen vorüberfahren; ich aber wünschte mich nicht aufzuhalten unterwegs; wenigstens nicht länger als unumgänglich nöthig wär. Eigentlich hab ich nur einigen Vernunftsgründen nachgegeben als wir überhaupt den Plan ausführten durch die Schweiz zu reisen. Ich wollte direct mit dem geringsten Aufenthalt über Paris. – Und warum war ich so eilig? Weil wir bei den so kurzen Tagen u weil meine Frau auf den verschiedenen Stationen Alles besorgen mußte, irgend Verlängerung der Reise unerträglich erschien. Dazu kommt ja natürlich dß für mich eine Begegnung mit Freunden peinlicher ist, als Andere vielleicht glauben – aber das würde nicht entscheidend gewesen sein. Hiermit also haben Sie meine Gründe gehört und muß Ihnen nun anheimgeben ob Sie mich absolviren wollen. Ich bin mir in dieser Beziehung keiner Schuld bewußt gegen die Gefühle von Freundschaft, Anhänglichkeit u Liebe die ich für Sie fühle u daher hoffe ich auf Ihre Absolution.
Dß Sie unserer Tochter das Haus eingeweiht haben hat uns große Freude gemacht. Wie gern wäre ich dabei gewesen! Aber wären wir in D. gewesen, so würde Marie schwerlich diese Freude gehabt haben – also ists gut so. Wie wir hier leben hören Sie gewiß von meiner Frau; Sie werden wohl von ihr ungeschminkter hören über alldie Schönheiten der Natur als von mir, dem doch die rechte Brille dafür fehlt. Ich bin doch etwas wie eine Maschine die man, ohne Oel in den Rädern, bei Seite gesetzt hat; oder um mehr im Styl in Mentone zu bleiben wie eine ausgedrückte Citrone; oder ein Gummiball worin ein Loch gestoßen ist – es ließen sich noch viele Beispiele oder Vergleiche anstellen. Dß nun ein solcher Ball auch seiner Umgebung nicht viel Freude verschaffen kann liegt auf der Hand! – An Kunst weder der Meinigen noch der Ihrigen ist hier gar keine Spur. Neulich spielten vier Kerle die ich sogleich für Deutsche erkannte vor unserer Thür. Ich ließ durch Rudolf fragen ob sie nicht Deutsche wären? Als sie es bejahten gab ich ihnen außer einem Sous noch tüchtige [?] Grobheiten weil sie so ganz abscheulich falsch spielten, dß es wirklich unerträglich war. Sie sollten sich schämen als Deutsche solche infame Musik zu machen. War das nicht Recht von mir? eine Heldenthat? Nachher hörte ich die Kerle ganz genau ebenso schlecht an andern Thüren spielen.
Grüßen Ihre Marie recht herzlich von mir, ebenso Joachim von dem es hieß er würde nach Marseille kommen; wir glaubten ihm schon zu begegnen.Vor allem wünsche ich Ihnen Gesundheit u Kraft damit Sie jetzt in England u später bei uns in gewohnter Kraft alle schönen Melodieen auf uns niederregnen lassen können die sie in Herz u. Fingerspitzen haben. Ihr ergebener
E. Bendemann

Mentone 14 Jenner 67

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Mentone
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 123ff.
 



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