19.12.2019

Briefe



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ID: 17920 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 28.06.1868
 

Düsseldorf d. 28t Juni 68.
Welche wohltuende Freude bringt mir noch täglich die Erinnerung an die mit Ihnen verlebten Stunden theure Clara u wie sehr müßen Ihnen in den Tagen nachher die Ohren geklungen haben, wo ich so oft mit meiner Marie Ihrer u Ihrer geliebten Kinder gedachte! Laßen Sie sich in allen Sorgen rechten Trost darin finden, daß Sie als Frau wie als Künstlerin Vielen sehr viel geben u immer geben werden bis an Ihr Lebensend! u daß Gott Niemanden mit Trost und Kraft verläßt, der wie Sie immer die besten, die edelsten, die höchsten Wege zu wandeln sucht! – Also tausend Dank noch für Alles Liebe, daß Sie u Marie u Julie im schönen Baden, oder vielmehr im behaglichen Häuschen, uns angethan u das nimmer vergessen wird! – Leider hörte ich nun gestern wieder von Frl. Leser, wie Ihre Nachrichten von Julie nicht gut waren u daß der schwankende Zustand immer wiederkehrt! – Gewiß ist Beruhigung im Innern bei Julien’s Zustand die Hauptsache, um Besserung u Kräftigung herbei zu führen u immer wieder muß sie liebevoll erinnert werden alle unrechten, alle erregenden Gedanken zu verbannen u durch schöne heitere Beschäfftigungen u Lecture sollte sie sich zu zerstreuen suchen! – Ludwig war einen Abend bei Hübner’s, ganz nett, aber doch zerstreut u wunderlich sprechend, wie er es eben wohl meist ist; er sprach von Stunden geben in Geschichte u Litteratur u dann wieder von Musik – u meine Schwägerin fürchtet auch, daß seinem Wesen nach, kaum eine ordentliche Thätigkeit von ihm zu erwarten ist! – So haben Sie wohl Recht geliebte Clara sich zu resigniren, daß er eben erhalten werden muß u sich nie wird selbst sein Brod verdienen können! – Doch hängen Sie den trüben Gedanken über die beiden Sorgenkinder nicht mehr zu viel nach, das sind Sie den andern Kindern u Ihrer Kunst schuldig, denn schließlich kann in dieser unvollkommnen Welt überhaupt nicht viel ausgesorgt [?] werden u man muß Freud u Leid immer neben einander laufend so frisch u so kräftig als doch zum guten Ziel führend, zu tragen suchen! – Laßen Sie sich die schönen Schweizerlüfte recht in jeder Weise zur Erquickung dienen u reisen Sie so glücklich als wir es von ganzer Seele wünschen! –
Ich erwarte meinen Mann am 1t Juli zurück u er hofft dann 4–6 W. ruhig arbeiten zu können, bis er später im August nochmal stärkende Lüfte für einige Zeit aufzusuchen braucht! – An Joachim schrieb er von Weilbach aus u erwartet Anfang Juli die Antwort hierher! – Ich bin seit voriger Woche zu Haus u mußte auch allerlei fatale Handwerkergeschichten durchmachen; seit gestern ist Felix bei uns nach glücklich vollendetem See-Offiz. Ex. Er sieht mager aus, aber doch sonst frisch u soll sich nun recht erholen in den 6 Wochen, die er Urlaub hat! – Mein Mann hat manche angenehme Besuche gehabt wie seinen Bruder, Hübner u auch jungen Künstlern u ist dadurch schneller über die fatale Brunnenkur fortgekommen! – Gottlob geht es ihm gut u noch gestern Abend brachte mir der Maler Jansen beste mündliche Nachricht von ihm; dieser war zu ihm gereist, weil er gern wegen wichtiger Arbeiten ruhig mit meinem Mann überlegen wollte u freut es mich immer, zu sehen, wie die jungen Leute ihm gern sich anvertrauen u seine feinen edlen künstlerischen Anschauungen also doch immer wieder der Jugend Nutzen bringen! –
Bei Marie geht es gut; ihr kleiner Eduard hat das erste Zähnchen u wird immer netter u kräftiger, so daß ich hoffe, er wird bald auf seinen Beinchen’s [sic] herumtappeln.
Über 8 Tage erwarte ich meine Schwägerin Eugenie Schadow mit 3 Kindern zum Besuch auf 3 Wochen, was uns freut, da wir sie seit 2 Jahren nicht mehr sahen u diese Kinder meines sehr geliebten verstorbenen
Bruder Felix sind mir besonders an’s Herz gewachsen. So werde ich im Juli ein volles Haus haben u so Gott will, muntres Treiben der Jugend! –
Nun genug! Verzeihen Sie, wenn ich so viel plauderte – aber wie gern ich es mit Ihnen thue, wissen Sie ja! – Also adio mit tausend Wünschen für Sie u alle Kinder.
Ihre getreue Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 129-132
 



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