19.12.2019

Briefe



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ID: 17921 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 30.04.1861
 

Düsseldorf d. 30t April 1861.
Heut sind es schon 8 Tage daß wir uns ade sagten liebe theure Clara u täglich vermisse ich Sie u denke Ihrer in Dank u Liebe! – Sie haben angenehme Tage u Stunden in Hannover verlebt u eben läßt Frl. Leser mir sagen, daß sie Brief von Ihnen gehabt u Sie nun in Berlin seien; möchte Ihnen auch diese Zeit mit Ihren beiden geliebten Kleinen wohlthuend vergehen! – Lassen Sie sich durch manche Sorge um die Kinder nicht zu sehr ängstigen u fühlen Sie fest u sicher, daß Sie ja eben mit Herz u Hand u Kopf für die Ihren thun, was Sie können u man eben doch nicht Alles aussorgen kann! Gott wird schon gnädig weiter helfen wie bisher u wenn auch bei den Kleinen oft häßliche u kindische Fehler vorkommen, so denken Sie, daß das auch in allen Familien vorkommt u nur eben richtige Strenge u richtige Liebe helfend u bessernd dem kleinen leichtsinnigen Völkchen richtig zur Seite bleiben muß! – Ich denke, daß doch Frl. Werner’s sorgsames, ernstes u doch wieder liebevolles Wesen den Kindern nur wohlthätig sein kann. Mir ist es zu leid, daß ich Eugenie u Felix nie sah u mir nun Ihr Zusammensein im eigenen Haus in Berlin garnicht so lebhaft vorstellen kann, als ich gern möchte! – Meine Schwägerin Bendemann antwortete mir schon wegen guter Lehrer, die Ihre Knaben vielleicht aufnehmen! – Ein Prof. Fleischer soll sehr gut sein u hat einige Knaben bei sich in ganzer Pension, ob er auch Welche in halbe Pension nimmt ist freilich denn erst noch zu erforschen! – Ferner ein Lehrer Fähling auch sehr gut in der Bellevuestraße No. 7 wohnend; er nimmt Knaben in halbe Pension u fordert für Kost, Beaufsichtigung bei den Arbeiten u.s.w. das Vierteljahr für 2 Knaben,60 Th. d. h. also das ganze Jahr für alle Beide 240 Th. was mir, wenn sie gute Kost haben in B. nicht zu viel scheint. Das Schulgeld selbst an den Gymnasien ist ja nicht viel in Berlin – freilich bliebe Ihnen denn noch dies u die Kleidung! – Vielleicht sprechen Sie doch nun mit diesem Herrn Fähling oder mit Anderen Herren u kommen zu einer gewünschten u nöthigen guten Ordnung für die armen Jungen! – Mein Mann hat noch immer den bösen Hals u ich bin oft ordentlich ängstlich, daß es sich so lange hinzieht. Im Übrigen ist er viel wohler – nur fühlt er noch ganz deutlich die Entzündlichkeit im Schlund u kann daher nicht laut sprechen u bei der sehr rauhen Luft auch noch immer nicht heraus. Er liest u zeichnet viel u ist natürlich schon sehr dankbar, daß ihm die Augen gut u er doch eben arbeiten kann. – Frl. Leser fand ich gestern sehr viel besser, die Augen nur noch wenig roth u so hofft man, daß der Armen doch endlich Mal wieder gesundere schmerzlose Tage geschenkt werden; sie ist gar zu prächtig u hätte ich nicht viele andre Pflichten u Abhaltungen, so ginge ich gern täglich zu ihr! – Den König v. H. haben wir recht beneidet – 2 Abende so köstliche Töne von Ihnen u Joachim zu hören ist doch seltene Erquickung u hebt u bessert wahrhaftig Jeden; – ich dächte die Herrschaften müßten wahre Engel werden, wenn sie öfter solche Erhebungen u Genüsse haben! – Doch genug – wieviel werden Sie zu thun, zu laufen, zu berathen, zu schreiben haben. So Gott will, auf baldig Wiedersehen hier! Unternehmen Sie nur nicht zuviel u lassen Sie Hamburg weg, wenn Ihnen die Zeit zu knapp; Sie müssen die egoistischen Freunde ja nicht noch mehr verwöhnen! – Mein Mann u Marie grüßen Sie u Ihre Marie herzlichst mit – das versteht sich. Auch bitte ich, daß Sie mich an Frl. Werner bestens empfehlen. – Heut steht uns noch der Abschied mit H. u Fr. v. Meyerink bevor; ihr Fortgehen thut uns gar zu leid. Es sind Beide selten treffliche, begabte u wahrhaft edle Naturen! –
Leben Sie recht recht wohl geliebte Clara u bleiben Sie gut
Ihrer Lida B.

Frau Clara Schumann
Berlin
d. G.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 80-83
 



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