19.12.2019

Briefe



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ID: 17922 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 31.10.1868
 

Düsseldorf den 31t Ockt. 1868.
Das war eine unerwartete köstliche Freude, als mir gestern früh Ihr Briefchen gereicht wurde herzlich geliebte Clara u wie wohl that mir jedes Wort darin u wie freute sich mein Mann mit mir! – Ja, so wollen wir denn gegenseitig dankbar frohlocken, daß wir solche genußreiche Tage hatten; u Sie Gute Liebe haben in liebevoller Nachsicht Alles bei uns hingenommen wie es eben war; u doch habe ich grade bei Ihnen u Ihrer Marie das Gefühl, als hätte ich Euch Liebsten garnicht genug gepflegt, nicht genug durchblicken laßen welche Erquickung für Geist u Herz Ihr mir wart! – Gott lohne Ihnen Alles in reichem Maaße was Sie den Freunden u vielen Mitmenschen Gutes anthun u stärke Sie recht zu allen Vorhaben! – Wie gern hätten wir gestern mit in Oldenburg gesessen das schöne Quintett u Alle köstlichen Töne zu hören! Wir waren ruhig zu Haus u mußten Allerlei Geschäftliches abthun, was mein Mann in den letzten Wochen verschob! – Es geht ihm gut u er war ganz vergnügt neulich noch am Coupé zu guter letzt Ihnen die Hand gedrückt zu haben; grade gestern u heut hilft er wieder noch einem älteren Schüler, der schon längst selbstständig Portrait malt, der aber mitunter noch gern meines Mannes Rath erholt, wenn ihm Schwieriges vorkommt. Das ist denn der beste Lohn für viele Mühen u viele Undankbarkeiten, wenn so die Jugend sich doch immer wieder zu ihm flüchtet. – Mittwoch war mir das Kramen u Räumen im Hause rechte Wohlthat; es bringt am besten über die Wehmuth fort; u pracktische Thätigkeit unternehme ich immer gern, weil sie mir oft über manches Herzweh forthilft. Meine gute Marie kam am Mittwoch Vormittag zu mir u dann auch Abends mit Otto u einigen jungen Künstlern, so daß wir den Abend des Hochzeitstages recht heiter u gemüthlich verlebten. Wir lasen Allerlei alte Gedichte u Aufführungen, was gleich belebend wirkt! – Donnerstag eilte ich zu Frl. Leser u brachte ihr abermals Brief aus London; hoffentlich haben Sie diesen, so wie einen vom Mittwoch u die Muffe, Alles richtig erhalten! – Auch bei Marie fand ich Gelegenheit etwas ernst zu sprechen über ihre sonderbare Zurückhaltung Ihnen u Frl. Leser gegenüber – aber natürlich hatte sie viele Ausreden u fand sich nebst Otto der dazu kam durchaus im Recht; es ist eben so wie es ist! – Sie müssen erst durch des Lebens ernstere Prüfungen gehen, um strenge gegen sich, u nachsichtig gegen Andere zu handeln! – Auch das Gefühl ist ihr noch nicht aufgegangen, daß man immer befriedigter u glücklicher wird, je mehr man Liebe spendet u je mehr man dann auch erhält! – Noch sind sie in sich befriedigt u daher Marie auch egoistischer, als sie es gewesen! Klein Eduard ist immer der Sonnenschein wenn man hinkommt u die Entwicklung solches Kindes auch immer wieder eines der schönen Wunder Gottes. Morgen gehen wir mit Marie u Rudolf zum Abendmahl; neue Prüfung u neue Stärkung durch diese schöne Feier sind uns Bedürfniß u so Gott will auch nach jeder Seite hin förderlich. Ich hoffe auch, daß sie Marien wieder stärken u klären wird; grade die Selbstprüfung muß sie üben! Heut will ich wie alle Winter mit Wiegmann’s einige Stunden französisch lesen – die beste Übung nicht Alles zu vergessen; diese u Lasch’s u Viele haben noch gedankt für den Genuß den ihnen ihr Spiel neulich bereitete! – Nun aber genug, u Verzeihung für zuviel Worte – aber Sie sind zu gut gegen mich u haben mich mit solcher Nachsicht verwöhnt! – Daß wir uns treu sind für jetzt u immer lebt nun noch fester u schöner in uns theuerste Clara u das ist das herrlichste Andenken an solche Tage! An Dietrich’s unsre herzlichsten Grüße; ich sah Frau Sohn noch nicht, weil sie der Ruhe wegen noch oben geblieben; aber es geht ihr gut u die Töchter pflegen sie auf’s Beste. – Die Zahnbürste fand sich auch, wurde aber von den Leuten nebst der andern kleinen fortgeworfen in der Idee, daß Sie sie für schlecht befunden. Dagegen fehlt der Schlüssel vom Waschtischschrank u bitte ich Dich liebe Marie, falls Du wüßtest, wo er ist, es mir in wenig Worten zu sagen! –
Könnte man doch jeden Tag von Ihren Erlebnissen hören! Haben Sie Nachricht von Julie? – Doch genug! – Von ganzem Herzen küßt Sie Ihre Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 135-138
 



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