19.12.2019

Briefe



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ID: 17924 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 30.05.1869
 

Düsseldorf den 30t Mai 69.
Wieviel wir grade in letzter Zeit so besonders Ihrer gedacht theuerste Clara u wie oft wir Sie hier her gewünscht, wenn wir mit Joachim so still u gemüthlich um den Eßtisch saßen, muß ich Ihnen doch in wenig Worten sagen! Und nun gar erst, wenn er spielte! Da war es mir immer, als müßten Sie nun dazu treten u sich an’s Klavier setzen u alle herrlichen Töne uns dankbaren Hörern zu wahrster Erquickung u Erbauung ertönen laßen! – Seit Donnerstag Abend ist Joachim fort, nachdem er, mit Ausnahme eines Tages wo er in Cöln war u des Sonntag’s wo Nachmittag auch pausirt wurde, fleißig zum Kopf, den Händen, der Geige u. s. w. hatte stehen müssen! – Mein Mann sagt Ihnen noch selbst einige Worte u erwähnt gewiß, daß er an Joachim im günstigen Moment sagte, wie Sie doch betrübt u verstimmt über sein Benehmen in London gewesen! – J. konnte sich das nicht denken u meinte in seiner treuherzig natürlichen Weise, daß er doch bei Ihnen gewesen, u durchaus nicht daran gedacht irgendwie anders zu sein – aber allerdings werde die Zeit so knapp in London u von allen vielen Menschen u Ansprüchen werde man zuletzt ganz benommen! – Hier war er durchaus der alte einfache liebe u wirklich feine Mensch u Künstler u wir haben nur Freude u Genuß durch ihn gehabt; gegen meinen Mann u uns Alle war er voll angenehmster Rücksichten, spielte einen Abend bei Marie u Otto, die z. 1t Mal im neuen Haus Gäste hatten u natürlich sehr glücklich waren so das Haus eingeweiht zu haben! – Otto, der meist gut u hübsch spricht, hielt denn auch eine ganz treffliche Rede bei Tisch u erwähnte in herzlichster Art, wie glücklich sie seien,weil damals Frau Schumann ihre erste Wohnung so schön eingeweiht u nun als bester u natürlicher Nachfolger Herr Joachim! – Großer Beifall. Letzterer dankte dann in warmen Worten u war große Freude, da man ihn als guten Redner ja noch nicht gekannt! – Daß die Schönerst. ihn öfter begleitete u wie wird Frl. Leser schon mitgetheilt haben! Wir freuten uns, daß J. grade wie Sie immer es gesagt, ihr feines Gefühl u musikalische Auffassung rühmte u daher ganz gern mit ihr spielte. Auch vom kleinen Röntgen, den wir öfter hörten, u der doch eine merkwürdige Begabung hat, erzählte gewiß Frl. Leser! – Leider ist nun grade seit Freitag kaltes Regenwetter u mein Mann kann auch nicht so viel auf’s Land laufen, als er sich vorgenommen; wir hoffen immer, die Stimme kommt, wenn er eben erst recht viel in guter Luft sich erfrischen kann! Allgemein findet Joachim’s Portrait großen Beifall – ja Freund Jakobson a. d. Haag, der enthusiastische Kunstkenner, der neulich einen ganzen Tag hier zubrachte war ganz entzückt u so arbeitete dann mein Mann auch mit Muth u Frische. – Nächste Woche hat er noch am Rock u der Figur, dem Pult u allen Nebensachen zu thun. – Bis jetzt denken wir noch daran später gute Bergluft aufzusuchen, aber wie weit u wohin, ist unsicher, denn mein Mann mag nie vorher soviel fest setzen u überlegen! – Joachim’s hatten Lust bei Salzburg sich ein Häuschen miethen zu laßen u mit allen Kindern dort für 2 Monate sich still nieder zu laßen! Frau Joachim war hier sehr sorgsam mit ihrem Baby und scheint mir überhaupt doch mehr u mehr recht verständig Alles zu überlegen! – Sie sang entschieden wieder wärmer u schöner als im Herbst u ist dabei doch auch so natürlich u einfach im Wesen! – Unser Felix ist seit 4 Wochen wieder in Kiel u nun glücklicher Unterlieutenant z. See; hoffentlich bekommt er bald Mal etwas Urlaub um uns zu besuchen, ehe er wieder auf weitere große Reisen geht. Minna Meyer kam zum Musikfest u bleibt noch eine Weile unsre treue Hausgenossin; mit ihr sprechen wir oft auch von Ferdinand u Felix, die bei ihren Verwandten, dem Baumeister Hoffmann, so geliebt u so gern gesehen sind! – Verzeihen Sie liebste gutste, wenn ich Ihnen zuviel verschwatzte. –
Gott hüte Sie nur ferner mit allen Kindern! – Ich hoffe immer darauf, daß wir uns im Sommer noch irgendwo zusammen finden! –
In alter herzlicher Liebe Ihre getreue
Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 138ff.
 



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