15.07.2019

Briefe



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ID: 17925 Brieftext


Geschrieben am: Montag 31.05.1869
 

Df. 31 Mai 69
Liebe Freundin
Sie hatten mir erlaubt Ihnen über eine Wiederholung des Joachimschen Bildnißes nach Ihrem schönen Baden Nachricht zu geben. Ich thue dies nun, nachdem die lebhaften Tage des Pfingstfestes vorüber sind und uns auch Joachim verlassen hat, welcher vorgestern nach Berlin zurückgekehrt ist. Er hat mir 7 Tage gesessen und mein Bild wird nun so hoffe ich auch Ihre Zufriedenheit in noch höherem Grade erlangt haben als dies zu meiner Freude schon der Fall war. Ich bin bereit dasselbe für Herrn Joachim i[.] London zu wiederholen, wenn er sich entschlossen hat eine Katze im Sack zu kaufen. Den Preis würde ich auf 120 Frd. Friedrichsd’ors stellen. Es wird keine Copie von fremder Hand sein, sondern ein zweites Original, wenn ich mir auch bei der Anlage u. sw. helfen lassen werde. Möglich daß J. mir noch einmal zu dem ersten sitzen muß und dann wird auch das zweite nach der Natur vollendet werden. Denn es liegt mir daran, dß in der Familie nicht eine mangelhafte Copie sondern ein möglichst gutes Original verbleibe.
Ich bitte also mir Herrn J. Bestimmung u Willen bald zukommen zu laßen damit ich auch baldthunlichst beginnen kann. Selbstverständlich ist, daß ich eine Sinnesänderung des H. J. keinesweges übel nehmen werde. Leider war mir die Arbeit an dem Bildniße durch mein langweiliges Uebel recht erschwert, welches immer noch nicht weichen will. Auch die Unterhaltung u die Gespräche mit J. konnten natürlich nicht die Ausdehnung u dasjenige Interesse haben wie sonst. Trotzdem habe ich mich herzlich wiederum an ihm u an seinen Gedanken u Wesen sehr erfreut u erhoben. Auch habe ich, Ihren Andeutungen gemäß, Veranlassung genommen ihm in nicht zudringlicher Weise zu sagen dß Sie bei Ihrem Aufenthalt in England einige Aufmerksamkeit seinerseits vermißt hätten. Er erwiderte, daß er Sie freilich weniger gesehen hätte als er gewünscht, daß er aber doch nicht glaube u nicht weiß Sie gar nicht besucht zu haben. In dem Troubl des dortigen Lebens wäre es so schwer die hiesigen Beziehungen im vollsten Maaße von beiden Seiten durchzuführen. Ich konnte natürlich nichts weiter dagegen sagen, weil ich ihm nicht bescheinigen konnte, dß er Sie gar nicht besucht hatte. Im Uebrigen aber, das kann ich bescheinigen, ist seine Gesinnung gegen Sie u die Ihrigen ganz unverändert liebevoll und es wird mir schwer an seine Undankbarkeit zu glauben; nicht schwer aber zu vermuthen, dß er hierher u dorthin gezogen und gewiss er oftmals saumselig ist. Oder täuscht mich, uns, seine große Liebenswürdigkeit? Bei seiner Musik (die Seinige u der Gesang seiner Frau waren natürlich das Beste des Musikfestes) hat er uns wieder sehr entzückt u ich bedaure nur, daß Sie nicht hier waren als er uns einige Beethovensche u Schumannsche etc. Stücke vorgeigte u dß Sie nicht mit ihm gespielt haben. Er hatte die Schonerstedt aufgefordert ihn zu begleiten u diese hat es dann zu unserer Freude meistentheils so gut gemacht, dß er sie von Herzen loben konnte. Ich spreche natürlich von dem Spiel in unserem Hause nach dem Feste; denn von den Musikaufführungen in der Tonhalle habe ich außer ein paar Proben nichts gehört. Das Orchester soll gut gewesen sein, alles Uebrige schwach oder schlecht. – Den kleinen Röngten brachte er eines Tages mit u ließ sich und uns einige von dessen Compositionen vorspielen; sogar spielte Joachim selbst ein Conzert oder eine Sonate von Röntgen mit dessen Mutter. Mich Laien haben die Compositionen sehr überrascht – aber auch J. fand sie oft sehr gut. Mich überfiel der Neid, dß ein Bürschchen von Jahren kaum Arbeiten liefern kann, die unser Einer schwer von denen eines Meisters unterscheiden kann, während frühe Jugendbilder eines Rafael auch dem Auge eines Laien als schülerhaft erscheinen müßen! Wenn ich Ihnen die Zeichnung nach Marie noch nicht mitsende so schreiben Sie dies einer gewissen unzuvertheidigenden „Saumseligkeit“ zu, welche mich bisher verhindert hat sie ordentlich zu fixiren.
Im Uebrigen meine herzlichen Grüße an besagte Marie u alle Ihre Kinder.
Ihr treuergebener
E Bendemann

Ich heize in meinem Atelier u dabei soll man die Stimme wiederbekommen!

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 140-143
 



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