19.12.2019

Briefe



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ID: 17926 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 13.07.1869
 

Düsseldorf den 13t Juli 69
Wie tief bewegte mich gestern Ihr Brief geliebte Clara u wie danke ich es Ihnen, daß Sie mir gleich selbst Ihrer Julie Verlobung mittheilten! – Von ganzem Herzen wünschen wir Julie das schönste Glück, das wissen Sie u das weiß auch Julie selbst, gedenkt sie mancher ernsten Stunden, die wir damals hier zusammen verlebten u in denen sich die Herzen mehr als sonst öffnen u die Gedanken sich zum Höchsten erheben. – Gott stärke das liebe Kind u laße sie im Manne ihrer Wahl Alles wahre Leben u Streben finden, in denen allein wir Menschen uns doch nur im höheren Sinne glücklich machen können. Wie schwer es ist sein Kind dem fremden Mann übergeben u wo noch so viel Schweres außerdem zu überwinden ist, das fühle ich auch inniger mit Ihnen meine Clara wie Andere – denn ich erlebte u durchlebe noch ähnliches! – Möchte Ihnen der neue Sohn nach u nach recht lieb werden u Gott Ihnen mehr Freude u Trost durch dies neue Land schenken, als man jetzt denkt! – An Marie sagte ich es gestern gleich – es wurde mir immer schon so schwer garnichts mit ihr davon sprechen zu dürfen, sie war furchtbar erstaunt, wie natürlich u schreibt nächstens an Julie selbst. – Denn daß sie an diese u an Ihre Marie große Anhänglichkeit hat, sah ich wieder so recht u freue mich wenn bei meinem Kinde Mal tieferes Gefühl und ernstes Mitempfinden sich zeigt. – Mein Mann kann heut nicht selbst schreiben, aber er grüßt tausend Mal u Sie wissen, er fühlt für Sie; wie ich. Seine Stimme ist wieder da u die große Wärme thut ihm gut. – Wir denken am 22t n. Godesberg zu gelangen u von dort Mal einige Besuche in Bonn u Umgegend zu machen u unsern ältesten Sohn – vielleicht auch den Felix zu erwarten. Dann wollen wir uns den Taunus anschauen, wo mein Mann schöne Spaziergänge in Cronberg u. A. Orten findet u endlich etwas in Münster a/St. bleiben bei meiner Schwägerin Hübner u Fanny u unserm Rudolf! – Wenn es möglich ist u mein Mann wohl bleibt, möchte er im Sept. mit mir nach Paris; theils um Schönes u Belehrendes zu schauen u theils um Studien zu machen, weil dort viel bessere Modelle sind. Oft gedachte ich Ihrer Worte im früheren Brief an Frl. Leser wegen Eugenie u danke Ihnen für alles Vertrauen das Sie mir schenken; aber einzige liebste Clara, unser Düsseldorf mit den vielen jungen Leuten ist nicht guter Aufenthalt für ein so junges Mädchen! Sie wissen, wie es mit Julie ging u wie hier unser dasselbe heitre, aber auch zu leichte Leben fortgeht. – Außerdem haben wir jetzt durch Rudolf nur junge Leute zum Verkehr, was für ein schon gesetztes verständiges u sehr ruhiges Mädchen ja auch nichts schadete, mir aber für ein so ganz junges, so ganz frisch empfängliches Wesen doch wirklich gefährlich scheint. – Ferner ist unser Leben doch so oft wechselnd – möglich, daß wir auch im Winter verreisen, u darum, so gern ich Jugend um mich habe, kann ich unmöglich übernehmen längere Monate ein eben aufblühendes Mädchen anzuleiten, anzuregen; auf kürzere Zeit, ja auf einige Wochen ist mir ja der Besuch von Ihnen u Ihren Kindern so lieb, aber auf länger nicht! Ich glaube, Sie kennen mich genug, um zu wissen, wie schwer es mir wird, Ihnen nicht bestimmt helfen zu können – aber mein Mann u die Meinigen überhaupt, u dann das Düsseld. Künstlerleben machen es wirklich unmöglich! –
Wie schwer es für Sie ist all’ Ihrer Kinder Leben zu ordnen ist mir täglicher Gedanke u doch kann Keiner aus seinem Kreise heraus u Jeder muß da fest stehen u da zuerst bereit sein, wo Gott ihn hingestellt. In alter Offenheit mußte ich Ihnen dies sagen, so schrecklich leid es mir ist; u Gott mag Alles gnädig lenken für Sie u die Ihren! – Mit herzlichsten Wünschen immer
Ihre treue
Lida.

die Photh. Ihres theuren Mannes kommen direkt v. Dresden.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 143-146
 



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