19.12.2019

Briefe



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ID: 17929 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 29.06.1861
 

Düsseldorf den 29t Juni 61.
Dank theure geliebte Clara, daß Sie Ihrem schönen Mitgefühl für meine arme Schwägerin und für uns gleich Worte gaben u so wahrhaft wohltuend u herzlich mir schrieben; ich hätte Ihnen so gern auch schon längst Mal geschrieben, aber da ich Sie so einsam u melancholisch wußte u mich nicht stark genug um sie zu erheitern u durch auch trübe Worte Sie nicht noch mehr niederdrücken mochte, so ließ ich es lieber – hatte auch außerdem gar so viel nach allen Seiten zu korrespondiren! – Nun sende ich Ihnen freilich auch keinen heitren Brief, aber doch muß der innigste wärmste Gruß u Dank gleich zu Ihnen! – Wie sehr man Jemand liebt u wie ich meinen geliebten Bruder liebte fühlte ich erst Mittwoch früh, als ich die Zeilen las: „der arme Dulder hat ausgelitten, Gott nahm die schöne reine Seele sanft u schnell zu sich! Wohl ihm![“] – Ach! es schnitt mir durch’s Herz u erst nachdem ich lange dem Weinen u Klagen Luft gelassen, konnte ich ruhiger nach einigen Stunden meinem theuren Mann schreiben u fühlte auch Dank in mir gegen Gott – denn mein Glaube hält fest, daß er Alles zu unserm Besten thut, daß die Heimkehr dem Einen früher gut, dem Andern später u daß bei den schwersten Leiden u den herbsten Prüfungen er uns nicht verläßt, wenn wir nur als demüthige dankbare Kinder nicht aufhören ihn zu bitten u all’ unsre Sorge auf ihn zu werfen! – Mein geliebter verklärter Felix ist uns ja wieder ein Beispiel einfachster u stärkster Frömmigkeit! Nach allen Leiden war er die letzten Tage ruhig, hatte schöne poetische Träume u Phantasien, für Jeden ein freundlich Wort wenn er erwachte u noch in den letzten Minuten für seine Eugenie: „ein gute Nacht mein Herzchen“. – In der Krankheit sagte er ihr wohl öfter: „sollte ich dich verlassen müssen, so sei stark, halte dich tapfer, der Allmächtige schickt nicht mehr, als man tragen kann u hilft Jedem![“] – Und so trug er auch alle Schmerzen, alle Angst Monatelang in Ergebung u sagte oft: „wir waren ja bis jetzt so glücklich, nun müssen auch Mal Prüfungen kommen! – Meine arme Schwägerin ist tief erschüttert; sie schrieb mir heut noch ruhelos u muthlos zum Weiterleben – u doch ist sie solch’ kindlich treues u frommes Gemüth, daß sie sicher ihren Weg finden wird u mit ihrem schönsten Schatz, den Kindern, in Erinnerung an ihren geliebten Verklärten den richtigen stillen Lebenslauf dahinwandeln wird! – Ich wollte, Sie hätten meinen Bruder gekannt, in seiner treuen, einfachen herzgewinnenden Art u mit dem schönen Ausdruck! – Im Tode sollen die Züge so edel u verklärt gewesen sein, daß Viele Viele noch kamen ihn zu sehen! – Von meinem Mann getrennt zu sein, war mir gar zu hart u doch trösteten seine schön geschriebenen Worte mich so sehr u ich freue mich so unbeschreiblich auf das Wiedersehen in wenig Tagen, daß ich auch darin wieder nur Gutes erkenne! – Noch hat seine Stimme nicht die alte Kraft u man sieht recht, wie nervös es bei ihm ist – doch fühlt er sich sonst wohl u Alles sagt ihm, daß eben langsam u nach u nach es gut würde! – Gott wird ihm u uns ja gnädig sein. – Die Kinder sind wohlauf u in ihren unschuldigen kindlichen Beschäfftigungen die beste natürlichste Erheiterung! – Daß Ihr Felix gerade jetzt die Masern bekam ist doch recht fatal u ich begreife wie besorgt Sie um seine Pflege! Am Ende gehen Sie doch noch nach B. zu den Kleinen u bringen sie dann selbst nach Schandau, um dann noch mit Frl. Leser u den größeren Kindern etwas in Kreuzn. zu sein. In großer Familie u gerade für Sie ist es ja unendlich schwer immer für Alle u Alles zu sorgen u doch, wie Sie ja wissen, meine ich immer, Sie sollten sich so viel als möglich Ihren Kindern widmen, die neben Ihrer Kunst doch das erste Anrecht an Ihr Herz haben u die solche Mutter u solches Beispiel nicht ohne Nutzen für ewige Zeiten bewahren werden – selbst wenn Sie jetzt nichts davon merken[.] Bald schreibe ich Ihnen wieder u besser. Nehmen Sie heut so vorlieb. Meine Schwägerin Hübner u Fanny wohnen in Münster a/St. u sahen dort beim Herrn Schmödt Frau Böking u Ihre Elise u freuen sich schon auf Sie liebe Herzensfrau später dort zu begrüßen. – Meine Schwägerin Bendemann wohnt mit 4 Kindern in Kreuznach selbst. Mit ihr u meinem Mann trafen wir uns vorigen Sonntag in Rolandseck u hatten schöne Stunden dort.
Wie gern möchte ich mich Montag mit erlaben an Ihren schönen Tönen! – Halten Sie den Muth aufrecht liebste theuerste Clara, den Blick nach oben u so vorwärts mit Gott! –
Marie schönsten Gruß. – Ihre dankbare Lida.

An Frau Clara Schumann
in Spa
durch gütige
Einlage.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 84-87
 



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