19.12.2019

Briefe



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ID: 17931 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 14.03.1863
 

Düsseldorf d. 14t März 1863.
Denkt man an Ihre enorme Thätigkeit liebe theure Clara, so wagt man kaum zu sagen, man habe durch allerlei Pflichten u Thätigkeiten zu Diesem u Jenem nicht kommen können u doch muß ich dies Mal ehrlich heraus sagen, daß mein Gruß u mein Schreiben an Sie länger unterblieb als mir Recht, weil ich in Wahrheit so sehr viel Anderes zu schreiben hatte! – Wieviel ich Ihrer in treuer Liebe immer denke wissen Sie ja u so fühlte ich auch Alles mit Ihnen bei der Nachricht von Joachims Verlobung mit durch, wußte wie Sie das erregen u bewegen mußte u wie denn doch endlich Alles in dem Wunsch: „er möge wahrhaft glücklich werden“, sich schließt u in dieser Hoffnung man muthig vorwärts schauen muß. – Ich gestehe Ihnen, daß mir die Sache etwas zu schnell gegangen u da man so garnichts von der Braut früherem Leben u Treiben weiß, nur daß sie jetzt allein im Gasthof existirt, so war es mir ein wenig unbehaglich dabei zu Muthe. Man hätte einem solchen Mann mehr Anhalt an eine größere geachtete Familie zugleich gewünscht doch was thut Alles Äußere? – Sind Herzen u Seelen in wirklicher Liebe u Achtung verbunden, dann wird ja Alles gut gehen u man soll nicht urtheilen, nicht kritisiren. – Mein Mann war auch sehr erstaunt, wie Sie denken können, u sagte in seiner milden vorsichtigen Weise nur: „J. muß wissen was er gethan u was ein solcher Schritt bedeutet, ich wünsche ihm das schönste, höchste Glück![“] – Er grüßt Sie auf’s Allerherzlichste u fährt eben wieder nach Cöln zum Elektrisiren! – Gottlob ist er jetzt ganz wohl, nur noch bei matter Stimme, die aber hoffentlich nach einigen elektr. Schlägen wie sonst ihre Kraft gewinnt. – Es ist erst einmal schwach geschehen u wird nun heut etwas kräftiger angewendet! – So lange mein Mann solch’ gewissen Erkältungszustand fühlte, durfte er es nicht thun! – Er arbeitet fleißig, die Augen sind gut u das sein bester Trost! – Nun nur noch die Bitte, daß Sie uns 1 oder auch 2 Kinder geben, so lange es nöthig ist. Sie wissen daß bei meinen Jungen Ernst’s Bett leer steht u bei Marie immer ein Schlafsopha zur Aufnahme junger Mädchen bereit ist! – Frl. Jungé brachte mir gestern die Nachricht, daß Ihre Kinder nicht in Frankf. bleiben können, sondern hierher kommen – also handeln Sie in wahrer Freundschaft u laßen Sie uns Ihnen helfen! – Möchte es Ihnen nur noch in Paris u Lyon recht gut gehen! – Leider war es bisher nicht Alles nach Wunsch wie mir Frl. Leser sagt u mehr Mühe u Arbeit u Kosten als Gewinn, wie es ja so oft in dieser Welt vorkommt! – Liest man Michel Angelo’s Leben u wie wir so eben eine Betrachtung über Lessing, so ist man ganz gedemüthigt über all’ das Leid was diese Männer tragen mußten, über ihr geringes Einkommen mit dem sie sich einrichteten, über all’ die Kränkungen u die wenige Anerkennung die sie erlebten! – Und wie sie doch in Kraft u mächtigstem Schaffen nicht nachließen u uns so reiche köstliche Schätze hinterließen. Das ist wahrhaft erhebend zu lesen! –
Hoffentlich sehen wir uns bald wieder liebste beste Freundin – ich kann nicht denken, daß Sie noch über’s Meer gen England schwimmen – indeß wenn es sein sollte, dann viel Glück dazu, wie zu Allem was Sie vorhaben! – Gott schütze Sie u die Ihren! – An Marie viele viele herzliche Grüße von uns Allen.
Immer in treuster Liebe
Ihre Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 90ff.
 



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