19.12.2019

Briefe



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ID: 17932 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 18.07.1863
 

Düsseldorf d. 18t Juli 1863
Da ich seit Frl. Leser’s Abreise nur sehr spärliche Nachrichten von Ihnen u Ihren Kindern hatte herzlich geliebte Clara, können Sie denken welche Freude es mir war Ihre Handschrift zu sehen u etwas Näheres von Ihnen selbst zu hören; haben Sie innigsten Dank für den Brief u daß Sie mir soviel Zeit geschenkt. – Daß Julie wieder leidlich wohl freut mich gar zu sehr u mit Ihnen hoffe ich sicher, daß sich Ihr geliebtes Kind bald ganz kräftigt u Ihnen keine Sorge mehr macht. In der schönen Luft u in Ihrem gemüthlichen Haus u Leben sollte sich Jeder erholen können – so scheint es mir wenigstens. – Daß Felix nicht lange mehr mit Ihnen u den Schwestern würde bleiben können, ahnte ich wohl u finde es am allerbesten, wenn Sie ihn gleich in eine gute Schule thun, in der er bleiben kann, so daß er dann dem schlimmen Wechsel entgeht, an dem ja Ihre beiden armen ältesten Jungen so viel zu leiden hatten! – Wenn Sie es irgend möglich machen können, geben Sie den kleinen lieben Kerl doch auch an Planer’s, da ist er dann mit Ferdinand zusammen u unter guter Aufsicht u wird das Gymnasium schnell u leicht durchmachen! – Daß die berliner Gymnasien mit die Besten in Deutschland ist ganz sicher u haben wir in letzter Zeit wieder durch mehrere Gelegenheiten gehört! – Die Entfernung muß Sie nicht stören u des Jahres 1 Mal können die guten Jungen doch immer einige Wochen mit Ihnen sein u wenn Sie doch noch oft reisen, wird Ihr Weg Sie auch immer nahe an oder durch Berlin führen, um dann selbst bei Planer’s zu horchen wie Alles steht u geht! – Eugenie würde ich nicht so schnell von mir geben, an Ihrer Stelle; sie ist so sehr lebhaft u begabt, wird Alles schnell lernen, aber gerade im Umgang mit andern Kindern wird man sie hüten müssen u die feine weibliche Umgebung ist ihr gewiß nöthig! – Wir sprechen noch oft von den lieben beiden Kleinen; – vielleicht finden Sie für Eugenie doch noch etwas in Ihrer Nähe, wo sie gut lernen kann! – Daß mein Mann in Scheveningen ist, hörten Sie gewiß; er badet in der See u genießt die gute Luft am Strande so viel als möglich. Gottlob ist er auch ganz wohl sonst, fühlt sich frisch – nur bleibt die arme Stimme matt u dieser wunderbare Zustand ist unerklärlich! – Eine sehr harte Geduldsprüfung, die nach Gottes unerforschlichem Willen getragen werden muß u ja auch von meinem besten Mann bestens getragen wird; er ist dankbar die Augen gut gebrauchen zu können u sucht bei Allem Schwerem das Gute das ihm geblieben um so höher zu schätzen u dadurch sich frisch u theilnehmend zu halten; wie leid er mir thut! ja das fühlen Sie tief mit mir, theure Clara u daß ich viel für seine Genesung bitte u flehe! – Doch was wissen wir kurzsichtigen Menschenkinder, was uns nützt u freut? u was uns gut? – Also stille halten u dem Besten, Höchsten nachstreben, dann fehlt der Trost, die Kraft nie! – Daß Sie in Ihrem Innern immer noch so sehr unruhig, ist mir unbeschreiblich leid; möge Gott Ihnen doch Frieden u Stille in Ihr treues warmes Herz geben! – Sie müssen sich aber auch nicht zu schlecht machen u nicht von verachten sprechen! – Sie sind eben eine Künstlernatur, in der das tiefste Empfinden nicht aufhört u das ist ja so schön! Danken Sie dafür; laßen Sie es Ihrer Kunst, Ihren Kindern u den Freunden zu Gute kommen, die es in rechter Weise auffassen! – Wo Sie aber Unwürdiges, Eigennütziges merken, da verschwenden Sie keine Freundschaft, selbst wenn Manches Sie sonst zum näheren Verkehr reizt. – Ihr edles Selbst wird dann immer verletzt sein u Kränkung empfinden u das thut Ihnen nicht gut, das müssen Sie meiden, denn das quält Sie dann! – Ich warne Sie als treuste Freundin recht milde u recht mäßig Alles hinzunehmen, was Ihnen der Verkehr mit den Freunden bietet; Sie haben für Alles so richtiges Gefühl, so klare Auffassung – da dürfen Sie nur Ihr Allerinnerstes prüfen u fragen u werden Ähnliches herauslauschen, als ich in meinen schwachen Worten angedeutet! – Schauen Sie muthig u frisch auf das Gute, was Ihnen doch auch noch so reichlich neben dem Schweren gegeben u nehmen Sie nichts Schweres noch schwerer – sondern suchen Sie sich in angenehmer Weise zu zerstreuen wenn trübe Gedanken u Erinnerungen Sie übermannen wollen! – Ich hoffe immer, daß Sie durch die Kinder Trost u Freude immer reichlicher finden; Sie haben ja an den Töchtern schon so viel u mehr als Sie sonst zu hoffen wagten!
Wenn Alles so geht, wie wir jetzt denken, reisen wir am 1t Aug. von hier zusammen ab, bleiben 1 Tag in Münster a/St dann 1 Tag in Baden, um Sie zu sehen u rutschen dann schnell in die Schweiz, damit mein Mann so lange als möglich gute stärkende Luft genießt! – Sollten Sie in den ersten August Tagen nicht in Baden sein, dann bitte ich, daß Marie oder Elise es uns in wenig Worten sagen; sonst kommen wir u ich schreibe es dann noch bestimmt, damit wir einen Nachmittag doch auch Sie u Ihre Kinder in Ruhe genießen! – Ich freue mich unbeschreiblich Sie in Ihrem hübschen Eigenthum zu umarmen u sehe Sie oft im Geist von den prächtigen guten Kindern umgeben. – Dietrich hat Ihr Haus so reizend gefunden! Der Arme scheint sehr herunter u sich in seiner Abgespanntheit nicht aufraffen zu können; er hält es in der Schweiz nicht aus u ist schon wieder in Bonn! – Unbegreifliche Menschen! Es ist wahrhaftig jetzt zu viel Kraftlosigkeit vorhanden u mit Muth sollte besonders Jeder gegen das Böse: „Nervös“ kämpfen!
Verzeihen Sie mein langes Plaudern! – Immer Ihre treuste Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 92-95
 



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