19.12.2019

Briefe



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ID: 17933 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 11.08.1863
 

Grindelwald den 11t Aug. 1863.
Schon sind 8 Tage vergangen seit wir Sie verlaßen geliebte Clara u ich schäme mich fast, daß erst heut unser innigster Dank u herzlichste Grüße zu Ihnen wandern. Aber Sie wissen ja, daß in Allem Guten u Schönen, das wir diese letzte Woche genoßen – doch Ihr herzlicher Empfang, die wohlthuend liebevolle Aufnahme in Ihrem Haus u das ganze Zusammensein mit Ihnen im reizenden Baden gewiß nie vergessen wurde, sondern daß grade solche Eindrücke den Herzen treuer Freunde die tiefsten bleiben. Möchte es Ihnen u den Kindern nur seitdem ebenso gut ergangen sein wie uns, denn trotz der großen Hitze hatten wir eine wundervolle Reise u sind sehr zufrieden, hier in Grindelwald auf Empfehlung meiner Baseler Verwandten uns für einige Wochen in Pension gegeben zu haben! – Die Fahrt nach Basel war mit die allerheißeste, aber doch erquickten wir uns gleich am Anblick des herrlichen grünen Rheinstromes; fanden dann im Storch gute Zimmer, zogen uns um u waren schon 1/2 7 Uhr bei meiner Cousine Forcart in kühlsten Räumen u auch bei treuen warmen Herzen; wir hatten viel mit ihnen zu plaudern, da sie den einzigen Sohn in Ddorf a. d. Akademie haben u dann eben, weil wir mit ihnen alle erdenklichen Höhen der Schweiz durchsprachen, auf denen man behaglich existiren kann! – Den Mittwoch mußten wir noch bei ihnen essen u sahen mehre Kirchen u Museen mit vieler Freude; wir nahmen nun die Abend u Morgenstunden zur Reise denn die Hitze war doch zu arg u so schifften wir bei himmlischster Beleuchtung am Donnerstag früh über den reizenden Thuner See, voraus die Schneehäupter u mächtigen Riesen der Berner Alpen; wie wünschte ich Sie u Alle die man liebt da zu uns, denn solch entzückender [sic] Stunden im Genuß der großartigen Natur giebt es doch immer nur Wenige. Schon von Bern aus erblickten wir die Alpen u hatten den unvergeßlichen Eindruck, wie sie so aus den Wolken emporsteigen! Von Thun schifften wir bis Neuhaus, u von da brachte uns ein Omnibus schnell nach Interlaken. – Leider war es in diesem reizenden Ort zu heiß u zu überfüllt von Menschen, um in Ruhe die Schönheit zu genießen u wir beschlossen also gleich den andern Tag Grindelwald zu besuchen u zu prüfen. Der Abend wurde im Anblick der „Jungfrau“ natürlich doch köstlich genug zugebracht u einige Bekannte gefunden in Camphausen’s, dem jungen Crola u. A. – Freitag ging es dann mit ihm Camphausen nach Grindelwald, da er gern die Gletscher u Eishöhle sehen wollte; man fährt 3 St. im schönen Thal hinauf, wundervoll; u langt dann im sehr freundlichen Ort an, der uns gleich so gefiel, daß wir ohne langes Besinnen 2 Zimmer in der Pension zum Adler mit Beschlag belegten! – Langes Warten ging nicht, sonst sind gleich andere Schweizer oder Engländer da, die Einem zuvorkommen! – Die Passage der Fremden ist manchen Tag hier sehr stark, doch liegt unsre Pension so still, daß man nichts davon merkt, nur bei der table d’hote um 2 Uhr u das ist denn mitunter ganz amüsant! – Freitag Abend waren wir wieder in Interlaken, um unser Gepäck zu ordern – u fanden dann Stockhausen, sehr heiter u frisch von der Wengern-Alp kommend mit dem Maler R. Lehmann a. Rom, auch ein alter Bekannter von uns! – Da gab es dann wieder viel zu erzählen u St. freute sich der guten Nachrichten von Ihnen; er war theilnehmender für alle Freunde als sonst! – Er wohnt mit seinen Eltern bei Zürich, macht aber jetzt noch Fußtouren u langte Sonntag Abend hier an mit Camphausen, um das Faulhorn zu besteigen; da das Wetter so gut u mein Mann Lust bekam auch gleich das Faulhorn zu besteigen waren wir Alle schnell zum großen Unternehmen bereit u freuen uns heut nun noch sehr der herrlichen Aussicht u der gelungenen Parthie. Man braucht 5 St. hinauf, so hatten wir natürlich Pferde mit; doch St. u mein Mann gingen immer u es freut mich so besonders daß es meinem Mann so gut bekommen u er selbst gesehen, wie frisch u gut seine Kräfte. Er ist heut sehr munter u will nun recht viele große Fußtouren von hier aus machen. Einen Gletscher mit wundervoller Eishöhle 1 St. von hier genossen wir gleich den ersten Tag; 2 Gletscher, das Matterhorn, den Eiger u andere Schneeberge haben wir immer vor uns, leben aber noch in köstlichsten Wiesen u Bäumen. – Man ist hier 3800 Fuß hoch, also 1000 F. niedriger als auf dem Rigi, aber dafür auch geschützt vor rauhen Winden, doch in köstlichster Luft u in guten behaglichen Zimmern. Bleibt gute Witterung, so bleiben wir bis Ende Aug. hier, vielleicht kommen Sie auch noch? – Noch haben wir keine Briefe von den Söhnen u dem Großpapa, das ist das Einzige was uns fehlt! Tausend Grüße von uns Allen Ihren Kindern u Frl. Leser! – Immer Ihre treue Lida.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Grindelwald
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 95-98
 



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