19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 17934 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 09.09.1863
 

Seelisberg d. 9t Sept. 63.
Erst vorgestern erreichte uns hier Ihr lieber Brief vom 29t Aug. meine theure Clara u ich eile Ihnen innigst dafür zu danken u Ihre liebevollen theilnehmenden Fragen zu beantworten! – Natürlich reiste Ihr Brief von Grindelwald uns über Thun, Bern u Luzern nach u da das Bringen der Briefe hier hinauf nur 1 Mal des Tages geschieht, so muß man sich eben begnügen Alles später u etwas ältlich zu erhalten! – Gottlob, daß Ihre Nachrichten im Ganzen gut klangen, denn da Sie nichts über Unwohlsein der Kinder u. s. w. erwähnen, so hoffe ich, daß doch Alle frisch u Jedes seiner Thätigkeit lebt! – Ja, könnten wir Sie innerlich ruhiger u heitrer machen, dann wäre es schön u der wärmste Wunsch all’ Ihrer wahren u treuen Freunde erfüllt! – Nun also vor Allem die Antwort, daß wir Ihr liebes Kind sehr gern bei uns aufnehmen werden, wenn Sie sie uns eben anvertrauen wollen; u daß ich zu Gott hoffe, sie möge körperlich u geistig unter unserm Dach erstarken u daß es uns Allen ein Segen sein soll in Allem Guten miteinander vorwärts zu streben; vorlieb nehmen muß sie mit kleinen Stübchen, wie ich Ihnen das schon damals sagte u auch Nachsicht wird sie in mancher Art zu üben haben, doch das Julie das gern mit uns thut, davon bin ich überzeugt grade so wie Sie es thun meine einzig liebe Frau! – Alles Andere also mündlich, denn ich hoffe sicher, daß Sie später im Herbst Mal über Ddorf kommen! – Unsre Rückkunft dahin wird wohl erst in der 2t Woche des Ockt. sein u so möchte ich bitten, daß Julie, wenn es ginge, vielleicht nach dem 15t käme. – Meine Marie bleibt möglicher Weise noch etwas länger beim Großvater, doch bestimmt ist noch nichts u Alles muß sich für unsre Rückreise von Berlin erst später klären, wir möchten gern Mal über Dresden u Leipzig, gern unsern Ernst in Woffleben besuchen – doch das hängt Alles von meines Mannes Befinden, vom Wetter u vielen andern Wenn’s u Aber’s ab! – Jetzt schwelgen wir hier noch in der schönen Schweizerluft, steigen auf die köstlichen Berge u schauen in den grünen See, so wie wir des Morgens erwachen! – Grindelwald verließen wir grade am 29t Aug.; zogen über die Wengern-Alp nach Lauterbrunnen u Interlaken; verlebten einen köstlichen Sonntag in Thun u am Thuner-See, dann 1 Tag im schönen alten Bern, 1 Tag in Luzern; von da schwammen wir vor 8 Tagen über den Vierwaldst. See nach Brunnen u Fluelen, gingen bis Altorf u Bürgeln u wollten schon Donnerstag hier hinauf. – Ein arger Gewitterregen ließ uns aber in Beckenried lieber landen u dort die Nacht bleiben. So kamen wir erst Freitag Vormittag im köstlichsten Sonnenschein hier an. – Die Haupt‑saison [sic] ist vorbei u so fanden wir gute Zimmer u ließen uns gern gleich häuslich nieder, denn Lage, Aussichten, Luft, Spaziergänge, Alles ist nach Wunsch u mein Mann genießt also doch nochmals ordentliche Bergluft! – Gottlob ist er sehr frisch u wohl u grüßt mit mir auf’s Herzlichste; 1 Tag war er in Grindelwald bei leichtem Schnupfen ohne Stimme, denken Sie den Schreck – doch den andern Tag war es vorüber u unerklärbar bleibt dies Erschlaffen der Stimme! – Er hat viele große Bergtouren gemacht, die ihm Alle wohl bekommen; auch hier war er schon mit Rudolf a. d. Bauen oder Seelisberger-Kulm, eine sehr mühsame Unternehmung 4 St. Berg auf! – Ich muß heut über 8 Tage in Berlin sein, denke aber, daß mein Mann noch 1 Woche länger in der Schweizerluft bleibt, wenn das Wetter es irgend erlaubt; ich fahre mit Marie u Rudolf v. Basel ganz direkt u bleibe natürlich so lange als möglich hier bei meinem Mann! – So sehen wir uns jetzt nicht geliebte Clara, so lockend auch Ihre Aufforderung ist wieder bei Ihnen im schönen Baden u in Ihrem traulichen Haus Station zu machen! – Tausend Dank für alle Liebe u nun noch tausend wärmste Wünsche zum Sonntag; ich weiß, daß Sie den Tag am liebsten unbemerkt vorüber ließen, aber doch muß die Liebe der Kinder u das Gefühl, wie auch viele fernen Freunde besonders treu an solchem Tage Ihrer denken, Sie erquicken. – Ich denke Frl. Leser bleibt noch so lange mit Ihnen; viele Grüße ihr u Frl. Jungé u den lieben Mädeln Allen. –
Durch Sybel’s die vom Rigi kamen hörten wir daß Frau Gisela Grimm sich doch sehr gestärkt u wieder wohl sei; manche alte Bekannte fanden wir unterwegs, was immer Freude macht! – Marie plagt sich mit einigen nöthigen Handarbeiten, u schreibt daher nicht, grüßt aber auf’s Aller Beste! –
Adio liebe theure Clara
Immer Ihre treue Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Seelisberg
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, 98-101
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.