19.12.2019

Briefe



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ID: 17935 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 02.02.1864
 

Düsseldorf d. 2t Febr. 64.
Obwohl Sie genug von hier hören liebe theure Clara, so drängt es mich doch Ihnen einen direkten innigen Gruß zu sagen u besonders auch, daß uns Ihr Kind täglich lieber wird u wir uns längst ganz mit ihr einlebten! – Gottlob ist sie ja auch wohl, wenn gleich die kleinen Reizbarkeiten für Husten oder dgl. immer hin u wieder sich zeigen, so ist das doch unbedeutend u stört sie in keiner Thätigkeit! – Zwei Tage behielt ich sie bald nach Ihrer Abreise Mal ganz still zu Haus, weil sie an starkes [sic] Abführen litt, auch des Nachts, u das mußte doch mit Wärme u Diät ganz gehemmt werden; ich merkte die Sache u entlockte ihr das Geständniß, daß sie schon länger darin litte u daher schritt ich ernstlich ein! – Ich glaube, daß sie mir nun auch ehrlich Alles sagt u daß ich durch ruhiges liebevolles Zureden wenigstens so weit ihr Vertrauen habe, daß ich über ihr körperliches Befinden Alles höre – über ihr geistiges? – das verlange ich nur in wenigen Punkten u hat ja da jedes junge Wesen seine kleine eigene Welt, in der man sie nicht stören mag, wenn sie sonst in ihrem Thun u Treiben zeigen, daß ihr Denken u Streben zum Besten u Höchsten sich ringt! – Daß ich sie ein Mal mit zum Tanz zu Hasencl. genommen hat Sie vielleicht erstaunt, aber ich dachte da es so schwer zu umgehen war u sie so große Lust hatte, könne man es probiren u das Zeichen dann, daß es sie doch zu viel ermüdete, gäbe mir die Macht immer ernster u begründeter zu sagen: „spät Aufbleiben u Übermüden ist dir schädlich!“ – Seitdem hat sie ein paar kleine Gesellschaften bei Euler’s, Vautier’s u Sohn’s mitgemacht, die ihr gut bekommen u die dem lebendigen jugendlichen Sinn doch auch Freude u Nahrung in mancher Beziehung geben! – Mein Mann versteht sich prächtig mit Julie, was mich so freut; ich denke, sie haben sich gegenseitig sehr gern u dadurch, daß er so liebevoll u herzlich mit ihr ist, nimmt sie die kleinen gerechten Neckereien auch so gut auf. – Rudolf macht offenbar Fortschritte in der Klavierstunde u Julie giebt sich wirklich viel Mühe mit ihm; ja mein Mann behauptet, sie gäbe sicher bessere Stunden als Frl. Schönerst., – die mitunter zu matt u nachsichtig – Wieviel denken wir Ihrer in der weiten Ferne liebe gute Frau Schumann u wie sehnlich wünschen wir, daß Ihnen Alles so gut weiter gelinge wie bisher; unsre Gedanken schweifen überhaupt viel in die Weite, da unser ältester Sohn mit seinen Pionieren schon weit oben in Holstein ist u auch noch 2 Neffen stecken dort unter den preuß. Truppen! – Kommt es wirklich zu ernsten kriegerischen Angriffen, dann ist die Sorge doch groß u Gott weiß was unsern Kindern u unserm armen Vaterlande in seinen verwirrten Zuständen noch Alles bevorsteht! – Um so dankbarer bin ich, daß es meinem Mann seit den letzten Tagen so gut geht; er hat seine natürliche Stimme, kann fleißig arbeiten u unternahm auch Abends Einiges Gesellige mit uns, was ihn nach so langem Stilleben doch gut thut u anregend ist; so muß man denn überhaupt nur dankbar die Gegenwart genießen u nicht zu sehr um die Zukunft sorgen, denn da bleiben wir mit unsrer menschlichen Kurzsichtigkeit doch immer still stehen! Julie geht eben in ihre Nähstunde u schreibt heut wohl nicht mit; sie sandte einen Brief an Frl. Asten u hat doch immer mal Correspondenz. – Die Zeit vergeht ihr nur zu schnell – wie uns Allen u sie bedauert oft, daß ihr die Nähstunde so viel Zeit koste, aber doch geht sie Pflichtgetreu hin u findet selbst, daß es gut ist. – Nun, Gott befohlen, geliebte Clara! Er schütze Sie u Ihre Kinder u uns Alle ferner! – Ich hoffe, wenn Sie irgend einen Wunsch f. Julie haben oder wenn diese irgend etwas anders wünschte, was sie mir doch nicht direkt u offen sagt, dann sagen Sie es mir als alte treue Freundin ganz ehrlich – denn nur so kann ja treue Liebe [u(?)] Freundschaft mehr u mehr wachsen u uns helfen! –
Ade Ihre treuste Lida [B.(?)]
An Frau Clara Schumann
d. G.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 103ff.
 



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