19.12.2019

Briefe



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ID: 17936 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 26.11.1872
 

Düsseldorf den 26t Nov. 1872.
Meine innig geliebte Clara!
Schon war es mir sehr leid nicht gleich gestern zum Dank für Ihre lieben herzlichen Zeilen gekommen zu sein, die mich am Sonntag so tief rührten u erfreuten; nun kam gestern Abend der inliegende Brief u so ist es gut, daß ich ihn gleich heut mit senden kann! Die Addresse war so dick mit: Baden-Baden, Düsseldorf u. s. w. beschrieben, daß Wien unmöglich mehr hinkonnte, u so verzeihen Sie, daß ich ihm kühn seine Umhüllung raubte. Übrigens hätte ich Ihnen jedenfalls dieser Tage Mal wieder unsre treusten Grüße gesendet, weil es mir gar zu sehr Bedürfniß ist Ihnen wieder u wieder zu sagen, wie tief ich den armen Marmorito beklage u mit Ihnen u den Kindern um Julie traure! – Es ist eine wunderbare Fügung Gottes, daß er uns meist die begabtesten, die vielgeliebtesten Wesen so früh dahin nimmt; u in dieser Schickung liegt eben solch’ groß’ Geheimniß wie in Vielem Andern vor dem wir uns still zu beugen haben. – Gern wüßten wir, ob der arme Marmorito in Turin ist? u wie es den Kindern geht? ob die Erzieherin bleibt u wie er überhaupt seine Häuslichkeit einrichtet? Vielleicht sind Marie oder Eugenie so gut bald Mal Einiges darüber an Frl. Leser zu schreiben. Der versprochene Brief von Mad. Schlumberger ist nicht hierher gelangt! – Wohl aber theilte mir die gute Schönerstädt am Sonnabend Manches aus Marie’s Brief mit, die so schön schrieb u der ich recht besonders warm hierdurch mit danke! – Gott hüte Sie Alle Alle! Weiter kann man immer garnichts sagen. – Dank auch für Alles über Ihr Concert, das wunderschön gewesen sein muß! Denken Sie, daß ich mit Rudolf heut zu Ullmann gehe, weil die Regan mich doch so anzieht, von der Sie u Marie uns immer so viel Gutes erzählten – u auch die andern Sänger u Sängerinnen sind doch ganz interessant. Mein Mann wagte sich nicht oft Abends aus, aber doch geht es ihm leidlich gut, u bei dem milden Wetter kann er doch noch mehr Luft genießen als sonst um diese Zeit. – Frl. Leser hat sich nicht entschlossen hier neben zu ziehen, weil wir nicht auf 6 Jahre Kontrackt machen konnten, wie sie es wünscht. Auf 3 Jahre soll es geschehen, weil man doch nicht zu sehr sich binden kann, u ein guter Wiederverkauf unsrerseits doch gelegentlich vor sich gehen könnte. So sagen alle Sachverständigen u so leid es uns thut, so blieb uns auch unsrer Kinder wegen dies eine Pflichtsache. – Frl. Leser ist wirklich zu peinlich in solchen Sachen u erwägt so unendliche Möglichkeiten die in dieser Welt kaum auszusorgen sind! – Niemand glaubt, daß sie eine Wohnung mit 6 Jahr Contrackt findet, u immer hoffe ich, daß endlich die Verwandten ihr ein Haus kaufen. Der eine H. Gebhardt wollte dieser Tage nochmal zu ihr kommen, ihr Rath zu geben! – Ich bedaure es so recht von ganzem Herzen, daß die beiden Lieben nicht neben uns sein werden; aber schließlich ist es doch vielleicht besser so, u zu enge Räume wären ihnen am Ende denn auch immer fatal! – Noch bitte ich mir gelegentlich zu sagen, ob der Deckelkorb so verpackt stehen bleiben soll? er kam schon vor 8 Tagen an, u scheint Mehlartige Dinge zu enthaltend [sic] – wenigstens fiel beim Herauftragen dgl. heraus, u so dachte ich nur, ob er auch nichts enthält, was verderben kann? – Möchte Felix Ihnen keine weitern Sorgen machen, sondern frisch u tüchtig auf besten Wegen zu schönen Zielen streben! Unsern Kindern geht es Gottlob gut. Unser Felix schrieb viel über das große Unglück an all’ den Küsten durch die Sturmfluth.
Nun aber ade meine theuerste Clara! Mein Mann grüßt Sie Alle mit mir viel tausend Mal! Auch die liebe Frau Joachim! –
Immer Ihre alte treue Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 202ff.
 



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