19.12.2019

Briefe



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ID: 17941 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 11.06.1870
 

Düsseldorf den 11t Juni 1870.
Wieviel wir Ihrer gedenken geliebte Clara, wie oft von Ihnen u Ihren großen Sorgen sprechen, muß ich Ihnen mit innigsten Grüßen doch heut Mal aussprechen; u dann möchte ich Sie recht bitten dem schweren Kummer um den armen armen Ludwig nicht zuviel nach zu hängen! Auch Vorwürfe dürfen Sie sich wahrlich nicht machen, daß Sie ihm früher die nöthigen Ermahnungen gegeben – denn nur in wahrer Zucht und wahrer Liebe können Eltern ihren Kindern schützend u helfend zur Seite stehen! – Das schwere Leiden hat ja bei Ludwig, wie so oft, nach u nach sich Bahn gebrochen, u gerade ihn haben Sie ja von Jung auf, wegen seines träumerischen Wesens, so besonders unter gute Pflege u Leitung zu geben gesucht! – Gott hat in seinem unerforschlichen Willen nun den Armen nicht [sich] klären u gesunden lassen, u so können Sie ja nichts Anderes thun als ihn treuer u sorgsamer ärztlicher Obhut anvertrauen! Und daß der Dr. Lehmann liebevoll u treu den Kranken beobachtet, scheint mir doch nach seinem Brief wirklich ganz sicher u darf Sie liebe Theure wirklich beruhigen. Frl. Leser theilte mir den Brief [mit] u ließ mich auch schon Donnerstag Abend den Ihren lesen, der mich in aller Wehmuth doch so sehr freute. – Tausend Dank für alle lieben Worte auch an uns u Alles Liebe überhaupt, daß Sie uns in den letzten Wochen angethan. Am Donnerstag müßten Ihnen recht die Ohren geklungen haben; Joachims waren den Nachmittag einige Stunden bei uns; sehr liebenswürdig, hatten sie sich den Tag zwischen Coeln u hier eingetheilt u fuhren Abends per Courirzug n. Berlin! – Beide waren frisch u angenehm u mittheilend u Fr. Joachim sprach sehr bald ihr Staunen aus u ihr großes Bedauern daß Sie nicht in Bonn spielen würden – wozu er denn gleich ganz natürlich sagte: „er könne es auch garnicht begreifen“ u in schönen Worten sagte er auch noch, wie gerade Sie doch uns Beeth. hätten[in schönster Weise] keimen u genießen laßen! – Genug, ich kann nicht denken, daß er grade Herrn Halle besonders protegirt. – Den armen Hiller hatten sie noch sehr weich u gebeugt gefunden, aber erfreut durch ein schönes Tagebuch des Sohnes, das er die letzten Jahre sehr genau führte u viel auch über seine technischen Arbeiten notierte, u das Hiller’s nun erst unter seinen Sachen gefunden hatten. – Von Hübner’s hatten wir auch Briefe, u findet meine Schwägerin es höchst glücklich, daß Ludwig von der Frau Henning fort, denn sie glaube fest, daß diese unter dem Schein großer Liebe für Ludwig doch eigennützige Zwecke verfolgte! – Also wenn sie Alles Geld bekommen hat u abgefertigt ist, dann brauchen Sie sich wahrlich nicht mehr um die kuriose Frau zu kümmern. Möchten Sie von allen andern Kindern beste Nachrichten haben u mit Marie u Eugenie im schönen Baden so glückliche Tage verleben, als es das immerhin sorgenvolle Leben, zuläßt! Könnten wir nur mitunter schnell zu Ihnen fliegen! – Marie, mein Mann u Rudolf grüßen Sie Alle drei auf’s Treuste mit mir. Erstere ist recht wohlauf nebst der Kleinen u scheint diese bei Marie’s Nahrung gut zu gedeihen. Joachim’s sprachen auch so hübsch von ihren Kindern u freuten sich so herzlich zum andern Morgen auf’s Wiedersehen mit der kleinen Schaar! Mit dem Aachner Fest waren sie sehr zufrieden; die Orgeny habe schön gesungen.
Nun verzeihen Sie mein Geplauder u behalten Sie Gute in alter Nachsicht etwas lieb
Ihre getreuste Lida.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 153-156
 



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