19.12.2019

Briefe



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ID: 17945 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 18.06.1870
 

Düsseldorf den 18t Juni 1870.
Gestern war es mir unmöglich geliebte Clara gleich Ihren theuren u uns so sehr willkommnen Brief zu beantworten, weil Fremdenbesuche, Packete u Briefe nach Dresden u Berlin mich in Anspruch nahmen! – Aber heut soll nun auch nebst innigsten Grüßen u wärmstem Dank die Antwort wegen des Rahmen’s erfolgen. Mein Mann findet wohl die Preise ein wenig höher für die Vergoldung als hier, aber doch kann er nur zu gutem Golde rathen, weil das unächte (Composition) so schnell schwarz wird. Aber allerdings darf man auch die ächt goldnen Rahmen nicht feucht abreiben, sondern nur mit Federwedel u altem Foulard-Tuch abstauben! – Daß Ihnen u den Kindern „Ihr kleines Daheim“ so recht behaglich ist, freut uns Alle von Herzen, u Gott wird Ihnen ja auch bei Allem Kummer um den armen Ludwig, doch die nöthige Ergebung u Stärkung nicht versagen, das fühle ich zuversichtlich! – Sie haben dies ja uns Allen so oft in Ihren vielen u großen Sorgen schon bewiesen, u tragen, unbewußt, mehr wahre Frömmigkeit u Christenpflicht [in sich], als die meisten Menschen die soviel von diesen höchsten Dingen sprechen! – Felix Brief ist doch wieder sehr hübsch, wenn gleich der jugendliche Übermuth durchblitzt, der ja aber auch ein Glück für ihn. Sein erst ausgesprochner Wunsch Ihnen Freude zu machen, ist ja schönster Schluß nach allen Auseinandersetzungen, u auch zu Anfang sein Gefühl wie warm u tief Ihre Mutterliebe. Ich hoffe Sie haben Alle frohe Zeit, wenn er kommt u bitte Sie inständigst, laßen Sie sich von allen heitren u wohlthuenden Eindrücken so viel erfrischen als möglich. Daß Ferdinand blaß aussieht begreife ich, aber die lebendige Phantasie von Felix drückte das nun auch wieder zu stark, u dadurch erschreckend, für Sie aus. Wir meinen Ferdinand sollte sich so bald als möglich von Plauth frei machen, der ihn sichtlich zu sehr anstrengt u sich lieber zum Herbst für den Militär-Dienst melden! – Wir haben hier mehrere zarte junge Leute die dabei frisch u stark wurden, selbst bei großer Ermüdung in den ersten Monaten! – Natürlich wird das für Sie Liebe Gute ein schweres Jahr – aber ist dann Ferdinand im Herbst 1871. fertig u kann in guter Stelle verdienen, so macht er Ihnen ja dann auch keine Kosten mehr u ist fertig u frei für alle Zeiten mit, so Gott giebt, gestärktem, kräftigem Körper! – Felix muß sich gewiß auch nicht zu viel mit Musik anstrengen. Für einen Primaner sind Geige- u Klavier-Übungen doch fast unmöglich auszuführen – kaum kann er dann Zeit zu Bewegung in freier Luft behalten.
Wäre ich so gewissenhaft wie Sie, so dürfte ich diese flüchtigen Zeilen nicht abschicken – aber wieder störten viele Anfragen u Besuche – also Verzeihung! – Ich schäme mich wirklich. Wir hatten 3 furchtbar heiße Tage von denen Frl. Leser heut noch angegriffen war; zum Glück kam gestern Gewitter! – Diesen Morgen war ich bei ihr; sie u Frl. Jungé grüßen sehr – noch haben die Armen keine Wohnung! Möglichkeit für’s Bleiben in der Alten, taucht wieder auf! – Uns Allen geht es gut u das kleine Mariechen gedeiht nach Wunsch.Die Hoffnung Sie Mal wieder im köstl. Baden zu sehen, gebe ich nicht ganz auf u denke im Stillen: kommt Zeit, kommt Rath! –
Frl. Leser schreibt auch bald u schickt Felix Brief wieder – die Schönerstädt war gestern bei uns u hat doch mehr Theilnahme für Sie Alle, als man es für möglich hält – aber sie äußert es so ungeschickt.
Nun adio mit innigstem Kuß u herzlichen Grüßen an die Töchter
Ihre getreue Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 156ff.
 



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