19.12.2019

Briefe



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ID: 17946 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 06.09.1874
 

Düsseldorf den 6t Sept 1874.
Meine theure Clara!
Am Donnerstag Abend kam ich allein (wegen allerlei Geschäftlichem u besonders auch um unsre 3 lieben armen Kinderchen wiederzusehen) aus Scheveningen zurück, u eilte natürlich gleich zur armen Frl. Leser am Freitag früh! – Ach! wie leid sie Einem thut kann ich Ihnen garnicht sagen; denn, da die liebe Kranke immer schwächer wird, ist es auch kaum möglich noch viel Muth zur Besserung Frl. Leser zuzusprechen. Und sie ist ja auch in ihrer klaren richtig fühlenden Seele gewiß längst vorbereitet den härtesten Schlag zu ertragen; – u dann natürlich klammert sie sich auch wieder an jeden Hoffnungsfunken! Ich habe Frl. Jungé lange nicht mehr gesehen. Seit dem unglücklichen Fall vor 3 Wochen, der Alles so verschlimmerte, liegt sie ganz zu Bett; u nun Frl. Schönerstädt, u gestern Wiwi K. waren auf Momente bei ihr, weil sie es selbst so wünschte u es eine kleine Zerstreuung gewährt. – Nun bekommt Frl. Leser wieder eine neue junge Dame zur Hülfe am nächsten Donnerstag, denn die sehr liebe u treffliche Frl. Wernicking die jetzt bei ihnen, kann nicht länger bleiben – das ist auch hart! – Immer wieder mit einer Fremden sich in so schwerer Zeit einzuleben – u doch natürlich, ist das Frl. Leser ja Alles Nebensache bei dem großen, großen Leid das sie zu tragen hat! – Aber wie schön, wie natürlich sie über Alles spricht kann ich Ihnen garnicht sagen, liebste Clara – man kann Frl. Leser nur immer mehr lieben u bewundern – so rein, so groß u so tief erträgt sie Gottes schwere Prüfungen! – Dabei erhält sie sich die Theilnahme für alle Freunde, u Ihr Brief gestern war ihr wieder eine Herzstärkung! – Ach! ja könnten Sie mitunter ½ Stündchen bei ihr sitzen! Länger hat sie allerdings nicht Ruhe, denn sie ist doch am liebsten bei Frl. Jungé u beachtet mit ganz merkwürdiger Umsicht jede Bewegung der armen Kranken, Alles was angeordnet ist, was ihr zu geben, zu helfen ist! – Bei uns können Sie immer wohnen, geliebteste Clara – selbst wenn ich nicht da bin; – also bitte: können u wollen Sie Ende d. M. hier sein – denken Sie nur an Ihre Gesundheit, denn die Aufregungen werden hier groß sein – so nehmen Sie im gewohnten Zimmer mit den Töchtern vorlieb, wie sonst nicht wahr? – Ja – es fügt sich oft Alles anders als man wünscht! Aber ich reise über 8 Tage zu unsrer lieben Helene8 n. Kiel die am 27t Aug. ein Söhnchen bekam. Es geht ihr gut, aber die Entbindung war schwer u sie wird länger sich sehr schonen müssen! die Schwester die jetzt lange bei ihr war muß fort; u so erfülle ich gern mein Versprechen an unsern Felix, seine geliebte Frau u sein Kind mit zu pflegen bis sie wieder ganz gekräftigt ist. Er selbst bekommt die Kunde erst Ende d. M. in der Capstadt! – Vor Allem aber nun viele innigste Wünsche für Ihr neues Enkelchen, u daß dem guten Ferdinand es mit Frau u Kind recht recht gut gehen möge – u Ihnen theuerste Clara Alles Gute mit allen Kindern! Ach! hülfen nur unsre Wünsche! Man muß sich eben still beugen u in Muth u Hoffnung tragen was nicht zu ändern ist! – Mein Mann bleibt noch 8 Tage in Scheveningen u war sichtlich von der guten Saltzluft gekräftigt, worüber ich sehr glücklich u dankbar bin. Auch ist er bei unsern treusten liebevollen Freunden H. u Mad. Jacobson so ausgezeichnet verpflegt, daß ich es ihm garnicht besser machen könnte.
Doch genug; bei Frl. Leser höre ich ja wo Sie am 13t sein werden. Meinen Brief v. 14t Aug. haben Sie hoffentlich auch erhalten! –
Eben kommen wieder 3 Briefe, die gleich beantwortet sein müssen! So verzeihen Sie wenn ich Manches nicht so ausdrückte als ich möchte.
Denken Sie an unsre alte treue Liebe für Sie u die Kinder u wie schrecklich leid es mir sein wird, wenn ich Sie hier nicht sehen kann.
Gott mit Ihnen Allen meine theure Clara!
Ihre
alte treue Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 224ff.
 



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