19.12.2019

Briefe



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ID: 17947 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 15.11.1874
 

Düsseldorf den 15t Nov. 1874.
Geliebte Clara!
Mit innigsten wärmsten Grüßen von der armen tief gebeugten Frl. Leser theile ich Ihnen nur mit, daß die liebe Dulderin gestern Abend 8 Uhr sanft u still entschlummerte, u endlich also von langen schweren Leiden erlöst ist! Die letzte Nachricht vom Freitag sagte Ihnen daß der Zustand durch bösen Husten u Schleim der sie quälte sehr verschlimmert wurde. Am Freitag Abend wurde sie ruhiger u der Arzt glaubte schon daß sehr bald, spätestens gestern früh das Ende eintreten müßte. Aber doch dauerte es noch bis gestern Abend. Zum Glück lag sie den ganzen Tag still, nur früh nahm sie noch ein wenig Caffee, später einige Male Tropfen oder Wein – aber sie konnte nicht mehr schlucken, nicht mehr sprechen. Wohl versuchte sie Letzteres noch einige Male u Frau Börngen erkannte sie noch am Nachmittag 4 Uhr an der Stimme u diese verstand: „nicht sehen“ also wohl waren die Augen auch schon getrübt! – Gottlob daß sie so sanft hinüberschlummerte zum besseren Leben u der Trennungsschmerz ihr erspart blieb! Frl. Leser saß bis zuletzt mit am Bett u wollte es immer noch nicht glauben, als der letzte Athemzug vorüber! Sie soll sie dann rührend geküßt haben, u in heißem Dank von ihr Abschied genommen. – Die eine Nichte aus Süchteln war gestern Nachmittag gekommen, nachdem man ihr Freitag Abend die schlimme Wendung geschrieben hatte. – Frl. Leser überlegte sofort mit Fr. Börngen die liebe Todte oben hinauf zu tragen u Frl. Frida’s Bett hinunter. Das Schlafzimmer wurde ganz gereinigt u gelüftet, u gegen 11 U. legte sich die arme Frl. Leser an gewohnter Stätte zur Ruhe u Frl. Frida bei ihr! – So ist es freilich am besten; u wohl auch ganz in Frl. Jungé’s Sinn; Alles so zu thun wie sie, ist nun wohl Frl. Leser’s einziger Gedanke! – Sie weinte sich heut früh wieder herzlich an meiner Brust aus, ist dann aber doch auch ruhig u stark u überlegt Alles. Fr. Cohnitz, Wiwi u Frl. Schön. hatten diesen Morgen gleich viele Briefe an Verwandte u Freunde geschrieben. Er Kolitz besorgt alle andern traurigen Sachen zur Beerdigung. Diese bestimmte der Doctor für Dienstag früh 9 U. – Wir sind dann Alle fortgegangen, u Frl. Leser bleibt nun über Mittag still mit der Nichte u Frl. Frida. Alle Drei bedürfen der Ruhe, u haben ja das nächste Anrecht für die nöthigen Anordnungen. Frl. Frida hat rührend bis zuletzt mit gesorgt u gepflegt, u man kann ihr nicht dankbar genug sein; aber Frl. Leser erkennt dies auch tief, u sprach grade heut mit mir sehr schön darüber.
Ja theure Clara, wir Alle haben das treuste liebenste Freundesherz in der lieben lieben Frl. Jungé verloren; u kaum kann man es faßen sie nie mehr mit Frl. Leser zu sehen; u wir Alle werden ihre Theilnahme, ihre Freude ihre Liebe sehr sehr entbehren! – Sie war wirklich ein Engel auf Erden; so selbstlos wie sie lebte – so nur für Andre sorgend! – Laßen Sie uns bald Gutes von sich u Ihren Lieben hören? Wie geht es Felix? Wie Frau Antonie u dem Kindchen? –
Mit tausend Grüßen umarmt Sie Ihre treue
Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 226ff.
 



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