19.12.2019

Briefe



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ID: 17948 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 17.11.1874
 

Düsseldorf den 17t Nov. 74.
Geliebte Clara!
So unbeschreiblich [gern] ich Sie für die arme tief gebeugte Frl. Leser hier gehabt hätte, u diese auch so voll Sehnsucht ist Sie zu sprechen, so sehr sind wir Alle doch davon überzeugt, daß es besser ist, wenn Sie jetzt in der naßkalten Witterung nicht reisen! Frl. Leser grüßt Sie auf’s Innigste u läßt sagen, wie sie eben auch beruhigter ist, wenn Sie nicht reisen. – Die Beerdigung diesen Morgen war still u ernst u schön. Sehr viele schönste Kränze bedeckten den Sarg, der die arme verzehrte Hülle, der schönen nun längst in höheren Welten schwebenden Seele, trug! – Pastor Natorp soll sehr herzlich u schön am Grabe gesprochen haben. Mein Mann ging nicht ganz hinaus; aber Rudolf, Kolitz, Vautier, Steifensand, 2 Herren Jungé aus Euskirchen u. A. waren mit draußen! – Die alte Frau Gebhardt saß nebst der einen Nichte aus Süchteln bei Frl. Leser als ich um 11 Uhr hinkam. Ihre Depesche traf mich grade im Fortgehen, u ich war froh sie nicht zu verfehlen, sonst hätte ich Frl. Leser doch die schöne Hoffnung gemacht, daß Sie heut Abend kommen wollten. – Die gestrige Depesche kam erst gegen 6 U. Abends; doch eilte Rudolf dann gleich zum Gärtner Meyer den Kranz bestellen, der auch sehr schön war u diesen Morgen rechtzeitig hinkam. Die eine Frl. Jungé a. Süchteln bleibt noch einige Tage da, was auch für Frl. Frida von großer Erleichterung ist. Diese hat sich trefflich bewährt, war aber Sonntag so elend, daß ich für sie fürchtete; doch heut war sie wohler, u scheint für Alles bestens zu sorgen. Bei allem großen Unglück, ist es ein Glück daß Frl. Leser solch’ trefflich Wesen hat; daß sie zusammen die theure Kranke pflegten u nun die letzten Erinnerungen auch ganz miteinander theilen. Das bindet doch vielmehr, als wenn nun jetzt eine Fremde zur armen Frl. Leser müßte! Ach! sie thut Einem zu leid; u nicht ohne tiefe Rührung sieht man die arme Trauernde an! – Welch’ große Liebe u Achtung Frl. Jungé überall genoß sah u hörte man recht in diesen Tagen! – Sie war aber auch ein selten Wesen – u ihr Andenken wird uns allen ein herrlich Beispiel bleiben! Ach! ja die Besten, die Reinsten u Selbstlosesten werden früh dahin genommen.
Wenn Sie können geliebte Clara, diktieren Sie recht oft einen Brief an Frl. Leser, u erzählen Sie ihr von Ihren Erlebnißen u Thun u Treiben; von Musik; den Kindern u Allen recht viel – denn man muß der Armen so viel als möglich Erheitrung u Zerstreuung bringen. Sie hat doch grade für Sie u die Ihren wärmste Liebe u wahres Interresse; u überhaupt nimmt sie doch [sehr] Theil bei denen die sie liebt! –
Ade für heut. Es giebt immer so viel zu schreiben. Gott mit Ihnen u Ihren Lieben. Herzlich küßt Sie
Ihre getreue L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 229f.
 



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