15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 17949 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 08.12.1875
 

Düsseldf 8 Decbr 1875
Liebe Freundin!
Sie wünschen in Ihrem Briefe an meine Lida zu wissen, was ich zu Ihrem Vorhaben denke hierher überzusiedeln? Nun von meinem Standpunkte aus können Sie sich wohl denken, dß ich gewissermaßen jubeln werde mit Ihnen an einem Orte zu leben u zwar hier, für welche Stadt ich seit meiner Jugend eine gewiße instinktive Vorliebe habe. Ob sie gerechtfertigt ist, ich weiß es nicht. Manchmal sind mir Zweifel gekommen, aber meine Vorliebe ist nicht verringert. Daher also würde ich jubeln! Daß man in vielen Beziehungen resigniren muß, dß auch Sie also zu resigniren haben werden in vielen Punkten das unterliegt keinem Zweifel! Auch in musikalischer Beziehung werden Sie oft ein Auge u ein Ohr zudrücken müssen [oder beide], aber nicht erwarte ich dies bei den Äußerungen des geselligen Verkehrs in dem kleinen Kreise Ihrer Sie so treu anhänglichen Freunde; da wird die Hingabe u die Entgegennahme rückhaltslos sein. Und was braucht man mehr, als ein paar wirklich gute Bekannte? Die Wohnungsangelegenheit dürfte leicht das Schwierigste sein u ich, wir, bedauern nichts so sehr, als dß unser Nachbarhaus, in welchem bis zu Ostern Frau Sohn wohnt, für Sie in keiner Beziehung passend ist. Wäre dies anders, so würde [es] herrlich sein Sie so in der Nähe zu haben u wenn wir Ihre Vermiether sein könnten! Doch damit ist’s nichts. – Dennoch würde ich meinen, bei einiger Resignation (wiederum!) namentlich nach Berliner Wohnung und Heizung, müßte sich etwas für Sie finden u das müßten Sie selbst gründlicher Beurtheilung unterwerfen, eventuell auch zu einem Kauf schreiten. Nach Alle dem kann ich nicht anders als zureden – ob ich aber in solchen Dingen ein praktischer Mensch bin, daran sind mir manchmal gelinde Zweifel aufgestiegen! Still, auch manchmal rauschend, kann man hier leben; manchmal hat’s hier auch einen vorübergehend poetischen Anflug – diesen werden Sie gelegentlich zu einem mehr ansäßigen machen u wer weiß, was dann noch Alles werden kann! Theater, Pferdebahn, neues Akademiegebäude, Schlachthalle, Zoologischer Garten, Flora haben wir schon, eine Kunsthalle ist in Aussicht und der Ananasberg ist immer noch da, ebenso wie Tausch und der bewährte Düsseldorfer Mostricht. Somit leben Sie recht wohl grüßen Sie die liebe Marie und Eugenie bestens und möge der Himmel Ihren Entschluß segnen!
Ihr
E Bendemann

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 230ff.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.